Kühler Oktobermorgen (Schubladentexte)

Ich habe gestern Abend in meinen alten Texten gestöbert und bin auf ein Relikt gestoßen, das ich vor knapp 20 Jahren geschrieben habe. Also hier, einfach mal so…

Kühler Oktobermorgen

Mona stand vor dem schweren – inzwischen so vertrauten – Eisentor, von dessen Gitterstäben der Anstrich schon längst abgeblättert war. Rostig. Abgenutzt.

Hinter ihr lag die dicht befahrene Hauptstraße, von der sich Straßenbahnklingeln, Hup- und Bremsgeräusche der Autos emporhoben. Morgendlicher Berufsverkehr. Ab und an Stimmen, die sich jedoch schnell im Straßenlärm verloren. Es erschien ihr unerträglich laut, ja fast monströs, wenn sie im Gegensatz dazu, die schier menschenleere Weite, die sich hinter dem Eisentor verbarg, betrachtete. Doch hier gab es unsäglich viele Menschen – im Verborgenen, aus ihrem Blickwinkel nicht sichtbar – wie auch ihren Großvater, den sie besuchen wollte. Und alles wirkte wie die Kulisse einer Märchenwelt – mit gutem und mit bösem Zauber. Hypnotisch, geheimnisvoll, abgründig.

Das Quietschen der Angeln ließ Mona für einen Moment aus ihren Gedanken hochschrecken, als sie sich mit der Klinke in der Hand wieder fand, das Tor Zentimeter für Zentimeter aufstoßend. Sie betrat dieses Reich, das so ganz abgegrenzt von der täglichen Routine lag und lief langsam den Kieselweg entlang, wobei die kleinen milchigen Steine unter ihren Füßen leise knirschten. Mit jedem Schritt umfing sie mehr und mehr die Ruhe, welche von diesem Ort ausging. Gespräche fanden hier eher selten statt und meist waren es die Alten, die besucht wurden.

An den wenigen Bäumen, die den Weg säumten, hingen vereinzelt Blätter. Schon ganz braun und leblos. Bald würde der Wind sie den Ästen entreißen und zu Boden wirbeln, wo sie die Gärtner später zusammen harken und fortbringen würden. Der Herbst hatte es dieses Jahr eilig.

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Was die Seele essen will – Julia Ross (Rezension)

Immer mehr Menschen leiden unter Depressionen, Ängsten und Zwängen. Seit 1990 hat sich der Anteil der darunter leidenden Erwachsenen verdreifacht. Druck und fehlende Unterstützung sind sicher Hauptverursacher. Julia Ross hat sich allerdings die Frage gestellt, warum dann Psychotherapien allein oder lange Urlaube nicht mehr greifen. Die Klinikleiterin erforscht schon seit Jahrzehnten die Zusammenhänge zwischen Psyche und Ernährung. In „Was die Seele essen will“ schreibt sie über die wichtigsten Erkenntnisse ihrer Untersuchungen und gibt damit Betroffenen die Aussicht auf einen Heilungsprozess, der aktiv unter Zuhilfenahme eines Ernährungsplans vorangetrieben werden kann.

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Die offene Tür von David Gregory (Rezension)

Emma ist unglücklich. Ihr Freund Jason ist aus beruflichen Gründen in eine andere Stadt gezogen und Emma, die ihm diese Entscheidung übelnimmt, hat sich von ihm getrennt. Gerade als sie diesen Schritt bereut und sich bei Jason entschuldigen möchte, erfährt sie, dass er sich bereits in einer neuen Beziehung befindet. Für Emma bedeutet dies das Ende der Welt. Sie ist enttäuscht von Jason, vom Leben und der Liebe und auch von Gott. Da erhält sie plötzlich einen geheimnisvollen Brief, in dem der Absender sie auffordert, durch „die nächste offene Tür“ zu treten. Emma lässt sich darauf ein und landet plötzlich im größten Abenteuer ihres Lebens.

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Wer hat den Lebkuchen stibitzt? von Maria Stalder (Kinderbuchliebling)

Ein kleines Schleckermaul wittert den Duft eines würzig süßen Backwerkes. Arne hat Lebkuchen gebacken und der Fuchs würde so gerne davon naschen. Still und heimlich schleicht er sich an das Ofenblech heran, das zum Abkühlen auf dem Fensterbrett steht. Wie herrlich diese Köstlichkeiten riechen! Schnell schnappt er sich einen Lebkuchen und verschlingt ihn, nichtsahnend dass sie für die Kinder sind, die der Nikolaus besuchen will.

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Jetzt gibt’s was auf die Ohren: Ali Baba und die vierzig Räuber/ Das Zauberpferd

Gemeinsam haben die Wochenzeitung Die Zeit und der Amor Verlag ein Potpourri an Märchen für kleine Hörer herausgegeben. Auf zehn CDs tummeln sich insgesamt zwanzig Märchen, die von über vierzig Schauspielern eingesprochen und mit klassischer Musik bekannter Komponisten unterlegt wurden. Wir haben einmal in „Ali Baba und die vierzig Räuber“ und „Das Zauberpferd“ hineingehört.

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Der Frauenchor von Chilbury – Jennifer Ryan (Rezension)

Der Zweite Weltkrieg nimmt den Frauen ihre Männer, den Müttern ihre Söhne und auch dem Chor von Chilbury stiehlt er die männlichen Stimmen. Der Gemeindepfarrer ist tief enttäuscht von dem, was übrig bleibt und nach einem letzten dünnen Holy, Holy, Holy beschließt er, den Chor aufzulösen. Die Frauen reagieren betroffen. Was gibt ihnen jetzt noch Halt, wenn nicht das gemeinschaftliche Singen? Da taucht Hoffnung in Gestalt der Musikprofessorin Miss Primrose Trent auf, deren unkonventionelle Ideen nicht nur für einigen Wirbel sorgen, sondern auch den Zusammenhalt stärken.

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Der Trost von Apfelkuchen

Das kleine Kind hat Fieber. Es will nicht essen. Es will nicht spielen. Es will nicht schlafen. Die Wadenwickelei strengt das Kind an und gegen das Zäpfchen in den Po protestiert es lautstark, rotwangig und tränennass. Ich flüstere Worte, streichle die Stirn, küsse die Wange, trockne die Tränchen und blättere die Bilderbücher, Seite um Seite, erzähle Geschichten von einer kleinen Hexe, Tieren auf dem Bauernhof, einem Jungen, der gern Fußball spielt und einer Zugfahrt zur Oma.

Das kleine Kind schläft, weniger rotwangig und mit viel mehr Frieden im Gesicht. Ich schleiche mich davon. In der Küche koche ich mir einen Tee und starre vorwurfsvoll den Ahornbaum vor meinem Fenster an, dessen Blätter sich immer noch nicht gelb färben wollen. Dabei haben wir schon Mitte Oktober.

Ich kann mit Krankheiten nicht gut umgehen. Es reißt und zerrt an meinen Nerven, wenn die Kinder krank sind. Immer ist die Angst da, dass ich nicht helfen kann, dass nichts genug ist, was ich zu geben vermag, dass ich nicht reiche als Mutter.

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