Die kanadische Nacht

Durch die winterliche Weite Kanadas fährt ein Sohn seinem sterbenden Vater entgegen. Seit vier Jahrzehnten haben sich die Beiden nicht mehr gesehen. Es ist die letzte Bitte des Alten, die den Jüngeren dazu bewegt, sich von Deutschland aus auf den Weg machen. Sie sollen sich ein letztes Mal begegnen. Nur einer von beiden wird Worte finden. Auf der Autofahrt zum Krankenhaus taucht der Sohn noch einmal in die Vergangenheit ein, während das Licht schwindet und die kanadische Nacht anbricht. Der Sohn erinnert sich an Wendepunkte, prüft die Begriffe Bindung und Prägung. Die Fahrt zu seinem Vater wird somit auch eine Reise zu sich selbst sein …

Sie haben sich ein Leben lang verpasst. Aber trotz Abstand und einer Kommunikation, die nach der Auswanderung des Vaters, größtenteils aus E-Mails besteht, bleiben die beiden, was sie immer waren. Vater und Sohn. Es ist ein Spannungsfeld, das auch durch große Entfernung und fehlende körperliche wie emotionale Nähe existiert. Jörg Magenau erzählt davon in seinem ersten Roman “Die kanadische Nacht”.

Wie tritt man dem eigenen Vater gegenüber, den man jahrelang nicht gesehen hat; einem, der immer berührungslos blieb? In Familien sind Rollen besetzt, die man zeitlebens ausfüllt, selbst wenn sie dem Anderen nicht gerecht werden können. Auch das Fortgehen, das Sich-Versperren, bewirken nur äußere Distanz. Unterdessen hallen die Worte der Vergangenheit immer weiter in einem fort. Der Protagonist, der in einer Schreibkrise steckt, folgt den Fäden seiner Biografie und der seines Vaters. Dessen Tod, das Scheiden von ihm, schafft Verständnis, für das vorher wenig Raum war. Ein großes Thema hat Jörg Magenau hier aufgegriffen und schreibt darüber mit einer soghaften Wirkung. Uns Leser lässt er letztlich mit den Fragen zurück, wie stark wir selbst von unseren Eltern beeinflusst wurden und wieviel Neuanfang nach einem Abschied möglich ist.

Die kanadische Nacht
Jörg Magenau
Klett-Cotta

5 Replies to “Die kanadische Nacht

    1. Das stimmt. Ich glaube, hier war der Vater schon von Anfang an sehr reserviert. Die Scheidung der Eltern und die Stiefmutter taten ihr übriges dazu.

      1. Für die Kinder ist es immer am schlimmsten. Erwachsene denken oftmals nicht daran, was sie ihren Kindern mit ihrem Verhalten antun. Und die Kinder können ja nichts tun, die sind mehr oder weniger ausgeliefert.

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