Judith und Hamnet

Ein heimlicher Kuss in der Apfelkammer ist der Beginn einer leidenschaftlichen Liebe, die von Verlust geprägt sein wird. William Shakespeare, noch kaum ein Mann, mit einer Idee von Bart im Gesicht, arbeitet als Lateinlehrer, als er sich in die Agnes verliebt. Die acht Jahre ältere Frau wird die seine. Sie gebärt ihm drei Kinder, darunter das Zwillingspaar Judith und Hamnet. Als William Shakespeare wieder einmal in London am Theater weilt, zieht die Pest durchs Land und nimmt eins seiner Kinder mit sich fort.

Wie geht man mit dem Tod eines Kindes um? Wie heilt man die Lücke, die der tote Zwilling hinterlässt? Und wie nennt man jemanden, der ein Zwilling war, aber dann kein Zwilling mehr ist, fragt Judith ihre Mutter, die sich im Haus verkriecht und die Haarlocke des toten Kindes wie einen Schatz hütet. Die Mutter hat darauf keine Antwort. Vielleicht gibt es keine.

In zwei Zeitebenen erzählt Maggie O’ Farrell im ersten Teil des Romans vom Kennenlernen der Eltern und von der Pest die über zehn Jahre später eine Familie verwüstet. Im zweiten Teil des Buches widmet sich die Autorin der oft sprachlosen Aufarbeitung des Verlustes. Am Ende wird Shakespeare eine Erinnerung erwecken, welche Jahrhunderte überdauern wird. Hamlet.

Maggie O’ Farrells zeichnet in “Judith und Hamnet” Lebenslinien von Shakespeare und seiner Familie nach und packt es in eine große Portion Fiktion. Dennoch bleibt eine zarte Ahnung einmal in die Zerbrechlichkeit der Seele hinter einem gewichtigen Namen sehen zu dürfen. Viel gewaltiger kommt aber die Frau an Shakespeares Seite daher, Anne Hathaway, im Roman Agnes. Sie, die so oft zurückgelassene Ehefrau, eines umtriebigen Kreativkopfes, ist der eigentliche Mittelpunkt. Eine Heilkundige, die ihre Welt immer wieder neu verfugen muss. Sie ist mystisch, charakterstark und ebenso verletzlich. Ihr Gefühlsleben webt sich um den Leser genauso wie all die sinnlichen Eindrücke mit welchen uns die Autorin beschenkt, wenn sie eine Epoche in allen Farben und Gerüchen auferstehen lässt. Brillant und einnehmend!

Judith und Hamnet
Maggie O’Farrell
Piper Verlag

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