Die Jungs-Mama und Autorin Heidemarie Brosche im Interview

Ich bin eine zweifache Jungs-Mutter. Das ist zuweilen ein Abenteuer. Es ist schön und es ist herausfordernd. Als Einzelkind aufgewachsen, war mir jenes Konfliktpotential zwischen Geschwistern (es heißt, sie streiten sich bis zu viermal PRO Stunde – und das kann ich durchaus bestätigen), als auch die wilde Energie des männlichen Nachwuchs nicht vertraut. Das Gute ist, mit Liebe und Geduld findet man nicht nur hinein, man lernt es sehr zu schätzen, dieses Leben mit Jungs. Es hält jede Menge Überraschungen bereit. Und man lernt dazu, auch über sich selbst.

Im vergangenen Jahr erschien “Jungs-Mamas” von Heidemarie Brosche. Ich fühlte mich beim Lesen direkt gut aufgehoben und verstanden. Zugleich ist “Jungs-Mamas” ein rundum ermutigendes Buch. Die pensionierte Lehrerin, Leseförderin, erfolgreiche Autorin und Mutter von drei inzwischen erwachsenen Söhnen Heidemarie Brosche erzählt, wie es ist, jenes Leben allein unter Männern. Im Interview konnte ich ihr nun ein paar Fragen stellen – über das Besondere am Leben mit Jungs, über angehängte Fehlgefühle und ein gelungenes Familienleben, nicht nur in Pandemiezeiten.

Jungs-Mama sein – ein Geschenk!

Liebe Frau Brosche, Sie stammen aus einem Haushalt mit überwiegend weiblicher Besatzung. Dann werden Sie selbst Mutter. Der erste Sohn wird geboren, der zweite, der dritte. Wie war das plötzlich, sozusagen als Kapitänin einer Piratenmannschaft vorzustehen und über das manchmal tobende Meer der Erziehungs- und Beziehungsjahre zu schippern? Wie wächst man hinein in das etwas lautere Leben mit den meist wilderen, aber immer wunderbaren Jungs?

Heidemarie Brosche: “So kitschig das klingen mag: durch die Liebe. Ich habe mir so sehr Kinder gewünscht, und dieser große Wunsch wurde mir erfüllt. Ich wäre nicht im Traum auf die Idee gekommen, wegen des Geschlechts zu “reklamieren”. Als die Jungs klein waren, waren sie eins ums andere das Geschenk “Kind” für mich. Ich bin halt einfach mit den Babys und Kleinkindern so umgegangen, wie mir das richtig erschien: Bindung, Nähe, Wertschätzung … Irgendwann hatte ich dann ein wenig Sorge, keine richtige Jungs-Mama zu sein, weil ich eben so gar keine Erfahrungen mit jungen männlichen Wesen hatte und weil ich selbst nicht sportlich bin und auch nie gerne gerauft und gerangelt habe. Doch dieser Teil des Unternehmens Jungs-Mama lief viel besser, als ich gedacht hatte. Ich habe ziemlich schnell gespürt, wie unterschiedlich auch Jungs sein können und dass es nicht darum geht, mit “den Jungs” richtig umzugehen, sondern mit jedem einzelnen Menschen. Jeder Junge ist ein Individuum, und auch wenn es Gemeinsamkeiten zwischen allen Jungs dieser Welt geben mag, so ist das Individuelle für mich wichtiger. Eine Herausforderung wurden dann allerdings die Zeiten, in denen alle drei mehr oder weniger lang null Bock auf Schule und sehr viel Bock aufs Gamen hatten. Das war hart für mich. Da habe ich mich zum ersten Mal so richtig außen vor gefühlt.”

Was raten Sie Jungsmüttern, die man bedauert und bemitleidet, weil die keine Tochter geboren haben? Wie soll die junge, aber auch die gestandene Mutter mit diesen angehängten Fehlgefühlen umgehen? 

Heidemarie Brosche: “Sich die Fehlgefühle einfach nicht anhängen lassen. Das ist oft oberflächliches Geschwätz, das mehr mit der zu tun hat, die mitleidig daherredet als mit der, die sich das anhören soll. Wenn sich eine Mutter darauf besinnt, dass man Kinder nicht wie eine Ware bestellt und dass es ein unglaubliches Geschenk ist – für das viele obendrein dankbar wären -, überhaupt ein oder mehrere Kinder zu bekommen, dann kann sie da sehr gelassen reagieren.”

© Heidemarie Brosche
Sympathische Lehrerin im Unruhestand, engagierte Leseförderin, erfolgreiche Autorin zahlreicher Bücher, dreifache Jungs-Mutter

Was ist für Sie persönlich das Besondere, eine Mutter von Söhnen zu sein? Was lernt man von seinen Jungs und dabei über sich selbst?

Heidemarie Brosche: “Für mich ist das Besondere zunächst einmal, dass ich genau diese Kinder, die halt nun mal Söhne sind, habe. Dadurch, dass ich nur Söhne habe, war ich obendrein viel mehr darum bemüht, auch männliche Wesen zu verstehen. Es gab ja kein weibliches Familienmitglied, mit dem ich mich über “die Jungs” bzw. “die Männer” hätte auslassen können. Für mich hat es als Lehrerin dann den Vorteil gebracht, dass ich gewisse Verhaltensweisen männlicher Schüler plötzlich ganz anders gesehen bzw. bewertet habe, z. B. dass “lebhaft” nicht mehr mit “störend” gleichgesetzt wurde. Ich hab mich durch meine Jungs auch manchmal zu Beschäftigungen hinreißen lassen, denen ich normalerweise ausgewichen wäre, die ich dann aber doch genießen konnte. Ich erinnere mich an einen Aquapark-Besuch, bei denen sie mich dazu überredeten, mich wie sie an eine bestimmte Rutsche zu wagen. Na ja, ich habe gekreischt und ich hatte Spaß! 😉 Man wächst halt immer wieder an der Herausforderung!”

Welches ist das größte Glück als gestandene Mama von inzwischen drei erwachsenen Söhnen?

Heidemarie Brosche: “Das größte Glück empfinde ich zweifelsohne immer dann, wenn ich das Gefühl habe, dass es ihnen gutgeht UND dass wir uns nach wie vor nahe sind. Kleine gemeinsame Unternehmungen, auch mal mit jedem der Jungs alleine, liebe ich auch sehr. Dazu kommt, dass alle drei Jungs Mädels in die Familie gebracht haben, die ich inzwischen auch von Herzen liebhabe.”

Das Buch für alle Jungs-Mamas

Liebe Frau Brosche, noch eine abschließende Frage, die wohl alle Mütter umtreibt. Dieses Jahr hat es in sich, Corona macht es besonders und auch zu einer Herausforderung. Lockdown, Quarantäne, Home-Office, Homescooling, Kinderbetreuung daheim. Wie hält man da die Stimmung aufrecht? 

Heidemarie Brosche: “Ich selbst war und bin als ältere Mutter von erwachsenen Kindern ja nicht mehr stark betroffen, aber ich denke doch, dass man hier nur sagen kann: Druck rausnehmen, wo es geht! Nicht zu viel von den Kindern und von sich selbst erwarten! Das sind halt nun mal besondere Umstände, da kann nicht alles weitergehen wie gehabt. Wenn im Haushalt ein bisschen geschlampt wird, wenn die Kinder etwas mehr dem Medienkonsum frönen und etwas weniger schulisch lernen – davon geht die Welt nicht unter. Aber eben nur dann, wenn man sich in der Familie einigermaßen die gute Stimmung erhält. Wenn weiterhin eine wertschätzende Grundhaltung herrscht. Und wenn die Eltern den Kindern weder das Gefühl von enormem Druck noch von Katastrophe vermitteln. Manchmal empfiehlt sich der Blick über den Tellerrand des Hier und Jetzt: Immer schon im Laufe der Geschichte herrschten und auch jetzt in vielen Gegenden der Welt herrschen Umstände, die ein “normales” Leben nicht möglich machen: Kriege, Naturkatastrophen, Hungersnöte, Krankheiten … Bis jetzt war Corona in meinen Augen für viele eine große Belastung, aber für die meisten keine Katastrophe, wobei ich coronabedingte Existenzängste nicht kleinreden möchte. Wer es schafft, auch in einer solchen Notlage ein Mindestmaß an Zuversicht zu verströmen, zeigt seinen Kindern, was es heißt, Herausforderungen des Lebens anzunehmen.”

Liebe Frau Brosche, ein herzliches und riesengroßes Dankeschön, dass Sie sich Zeit genommen haben, meine Fragen zu beantworten.

Gerne möchte ich die Gelegenheit nutzen und euch auch auf die neuen Bücher von Heidemarie Brosche aufmerksam machen.

“Hätte ich netter schimpfen sollen”
“Und trotzdem hab ich dich immer lieb”
“Spannend und humorvoll verbindet Heidemarie Brosche in ihrem Roman die Widrigkeiten des Lebens mit so viel Heiterem, dass die Lektüre das Herz erwärmt, ohne auch nur eine Spur kitschig zu sein.” twenty-six books Verlag über “Schuhhimmel mit Turbulenzen” von Heidemarie Brosche

Mehr über Heidemarie Brosche könnt ihr auf ihrer Homepage erfahren.

3 Replies to “Die Jungs-Mama und Autorin Heidemarie Brosche im Interview

  1. Danke für die Präsentation von Frau Brosche und ihren Büchern. Ich denke, dass alle Kinder (Menschen) ihre guten Momente und ihre weniger guten Momente haben, egal welchen Geschlechts sie sind. Mehrere von einer Sorte neigen allerdings dazu, sich gegenseitig “hochzuschaukeln”, finde ich, das kennst du sicherlich. Bei den Erwachsenen ist das aber genauso, aber die dürfen, weil sie erwachsen sind, haha.

    1. Ich bin eine sehr dankbare (Jungs-)Mutter. Die Kinder haben mir einiges beigebracht – in manchen Situationen mutiger zu sein, Neues auszuprobieren. Aber das kann sicher auch eine Mädchenmama von sich sagen. Jedes Kind kommt ja mit ganz eigenen Charakterzügen auf die Welt. Für mich als Einzelkind definitiv spannend zu begleiten, die Bindung meiner Söhne und ihr Umgang miteinander. Ich hoffe, dieses Gute bleibt über die Kinderjahre hinaus bestehen und sie können auch später im Alter aufeinander bauen. Das wünsche ich mir wirklich sehr.

      1. Bei einigen Geschwistern ist es so, dass sie aufeinander bauen können, bei anderen nicht, aber ich meine, dass sich das bereits sehr früh zeigt, jedenfalls war das bei uns so. Manche Geschwister kommen von verschiedenen Planeten, das ist dann eben so. Wenn deine Jungs jetzt gut miteinander können (also generell 😉 ), dann sind meiner Meinung nach die Chancen gross, dass es auch später so sein wird.

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