Die langen Abende

Olive Kitteridge ist zurück. Pulitzer-Preisträgerin Elizabeth Strout lässt ihre scharfzüngige Heldin in “Die langen Abende” erneut Verunsicherung stiften. Wie in dem ausgezeichneten Vorgänger “Mit Blick aufs Meer” befinden wir uns erneut in der drögen Provinzstadt Crosby in Maine und bekommen dabei einen ehrlichen, schonungslosen und doch sehr liebevollen Blick aufs Leben serviert.

Olive mag ihren Sohn nicht. Und der sie noch viel weniger. Auch Jack, ihr zweiter Mann, bringt seine Probleme mit in die Ehe. Kleinstadtbewohner, ehemalige und alteingesessene, kreuzen das Leben der alternden Dame. Die ist überall. Olive stürmt hinein in Elizabeth Strout Episoden, welche die Autorin wie Perlen zu einer funkelnden Kette aneinander reiht. Manchmal taucht Olive auch gar nicht auf. Es wird von ihr erzählt oder fast fiebrig an sie gedacht. Aber immer ist sie spürbar. Mit ihrer direkten, unverblümten Art wirbelt sie Staub auf und lässt uns manchmal schmunzelnd und viel öfter nachdenklich zurück.

Dabei erzählt Elizabeth Strout so eindringlich, dass es manchmal wehtut, dem Gefühl von Verlust, dem Abschiednehmen und der Einsamkeit nachzuspüren. Zugleich zeigt sie, wie sich die Vergangenheit verändern kann, wenn ein Mensch plötzlich neue Wahrheiten in sich entdeckt. Verstehen können wir das Leben nur rückwärts. Offenbarungen und späte Einsicht verändernden Blick. Das sorgt für Überraschungen und Wendepunkte in der Gegenwart. Man ist nie zu alt, um zu staunen.

Sie ist ein Unikat, diese Olive Kitteridge, die pensionierte Mathelehrerin, welche noch immer mit bestimmten Tonfall über Leute urteilt, dabei oft mit harschen Worten. Ihre Ehrlichkeit reibt etwas im Leser auf. Wir fühlen uns ertappt in unserer biegsamen Konversation, in unseren Höflichkeiten. Auf Olive trifft dies nicht zu. Sie ist eine Urgewalt an Authentizität, deftig und empfindsam zugleich. Ihr Gebaren ist nicht Jedermanns Geschmack. So steht sie immer etwas Abseits von den Grüppchen, was nicht heißen soll, dass sie es nicht versteht, eine Bindung zu schaffen. Das tut sie durchaus. Auf ihre Weise.

“Die langen Abende” erweist sich als vielschichtige Charakterstudie mit Tiefgang und Profil. Bedeutsame Fragen sozialer Geflechte in der Kleinstadt werden dabei an den Wurzeln gepackt, die Kindheit als Sprungbrett oder Fallgrube hinterfragt. Hier passiert es, das Leben.


Buchinformation:
Die langen Abende

Elizabeth Strout
Luchterhand

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