Melitta Breznik: Mutter. Chronik eines Abschieds

Mutter. In diesem Wort kann sich alles verbergen. Innige Verbundenheit. Verbitterung. Ein Dankeschön. Ungestillte Sehnsucht, endlich geliebt oder überhaupt gesehen zu werden. Und etwas wohnt ganz sicher in uns allen, den Kindern – der Schmerz beim Abschiednehmen. Denn etwas stirbt auch in uns, dann wenn der Schlussakkord der Kindheit erklingt. Eine Tür fällt ins Schloss. Die Eltern gehen. Vom letzten Wegabschnitt bis zum Sterben der Mutter erzählt Melitta Breznik in ihrem tiefgreifenden Buch. Das erzählt nicht nur eine Generationengeschichte, es vermag auch vergrabene Emotionen im Leser zu wecken.

“Nur nicht zu nahe, nicht zu lange die Hand halten, übers Haar streichen, nur nicht.” (S. 12 “Mutter. Chronik eines Abschieds”)

Als die 91jährige Mutter immer öfter über Bauchschmerzen klagt, macht sich die Tochter, Ärztin für Psychiatrie, zu ihr auf den Weg nach Österreich in die kleine Wohnung, um dort zu bleiben, die nächsten sechs Wochen. Sie pflegt die Mutter, katapultiert sich von geduldigem Gleichmut in die Überforderung, holt sich schließlich Hilfe. Wenn die Tochter wieder fortgeht, zurück in die Schweiz, wird die Mutter tot sein. Es sind intensive letzte Tage mitten im Herbst, als die Natur beginnt in den Schlaf zu gleiten, welche die beiden Frauen Seite an Seite verbringen.

Kindheitserinnerungen der Tochter, Rückblicke der Mutter bis in die Kriegsjahre verweben sich mit der Gegenwart, einem Jetzt, in dem die Mutter an Krebs stirbt. Melitta Breznik gibt dem Abschied einen Raum, in dem vergangene Dinge noch einmal sein dürfen und Gefühle unter der Oberfläche emporsteigen. Die Veränderungen der Mutter begleiten wir aus Sicht der Ärztin, was den Sterbeprozess einen zuweilen stützenden Rahmen verleiht und aus der Sicht einer Tochter, die noch immer gefangen ist zwischen Zuneigung und Abgrenzung. Der Tod wird zum Teil des Lebens, das Sterben allerdings bleibt eine Herausforderung.

Das langsame Verschwinden einer Frau dokumentiert Melitta Breznik mit packender Eindringlichkeit. Sie schreibt von einer Mutter, die liebt und geliebt wird, die Lasten tragen musste, die Fehler macht. In ihrem Sterben reißen manche alten Wunden auf, manche Fragen bleiben unbeantwortet. Am Ende zählt für die Tochter nur eins, dass die Mutter ohne Schmerz hinübergleitet und dass für sie selbst noch Kraft bleibt, wenn die Mutter tot ist. Melitta Breznik beeindruckt mit einer überaus brillanten Schreibe. Sie zieht den Leser mit ihren Schilderungen regelrecht in einen Sog. “Mutter. Chronik eines Abschieds” packt uns an den Wurzeln und lässt uns definitiv mit unseren eigenen Fragen zurück.


Buchinformation:
Mutter. Chronik eines Abschieds

Melitta Breznik
Luchterhand

3 Replies to “Melitta Breznik: Mutter. Chronik eines Abschieds

Rede mit! (Kommentare werden manuell freigeschaltet)