Corona im Familienalltag – Zwischen Krise und Chance

Seit Wochen blicken wir mit Sorge auf jenes neue Virus, das ganze Städte in einen vermeintlichen Stillstand treibt. Uns Menschen teilt Corona ein. Zwingt die einen zum Innehalten, andere rotieren unermüdlich, kümmern sich um die Gesundheit, halten die Ordnung aufrecht und versorgen uns mit Lebensmitteln. Ich bin dankbar dafür. Für eben jene Menschen, die jetzt an vorderster Front stehen, während wir zu Hause bleiben. Dass jenes #stayathome so bedeutsam werden könnte, um Leben zu schützen, hätte sich in einer auf Unterhaltung und Konsum basierenden Gesellschaft wohl kaum einer jemals vorgestellt. Das Virus schubst uns nicht nur in die eigenen vier Wände, es öffnet auch eine Tür, in einen Innenraum. Wir können uns ablenken oder nachschauen, was wir darin finden.

In allen Nachrichten, die uns erreichen, schwingt meist Angst und Sorge mit. Es ist ein für uns ganz neues Szenario, das wir nie zuvor erlebt haben. Das Virus ist gesichtslos und leise. Es tobt durch die Welt, wenn wir nicht aufpassen – aufeinander und auf uns selbst. Nicht nur die Gesundheit wird bedroht, wir haben finanzielle Sorgen, Existenzängste. Und in allem ist die Angst vor dem Sterben, die sich auch in der Angst vor Veränderung ausdrückt. Es ist ein Zustand der Ungewissheit. Was wird aus unseren Liebsten? Was wird aus uns? Aus der Welt, wie wir sie kennen?

Der Frühling kommt unaufhaltsam. Unser Ahornbaum vor dem Küchenfenster entblättert bereits seine Knospen. Die Vögel sammeln Zweige und kleine Stöcke, um ihre Nester zu bauen. Die Frühlingsblüher schieben wagemutig ihr Köpfe aus der Erde, auch wenn sie ab und an noch ein eisiger Wind umweht. Es geht weiter. Die Welt hört nicht auf, sich zu drehen.

An den Häfen werden wieder mehr Fische gesichtet. Die Kanäle in Venedig muten sauberer an. Ebenso wie die Luft über den Großstädten. Gesetzte Klimaziele für dieses Jahr werden nicht nur erreicht. Sie werden übertroffen. Das Virus macht aus der Fridays-for-Future-Bewegung einen grünen Everyday-Trend. Nicht indem wir auf die Straße gehen, sondern indem wir Zuhause bleiben, achtsamer mit unseren Lebensmitteln, unserem Kram und vor allem miteinander umgehen.

Die Krise als Chance. Wenn nicht nur die Sorgen wären, die jeden persönlich mehr oder weniger belasten. Wir dürfen unsere Angehörigen nicht mehr im Pflegeheim oder Krankenhaus besuchen, die alten Eltern und Großeltern nicht treffen. Dank Telefon und Digitalisierung können wir mit den meisten in Kontakt bleiben. Jedoch nicht mit der kranken Mutter, die nach drei Schlaganfällen weder schlucken, schreiben noch sprechen kann und im Altenheim betreut wird. Versteht sie es, frage ich mich. Das Pflegepersonal meint, sie würde im Fernsehen aufmerksam die Nachrichten verfolgen. Wer erklärt ihr diese Welt?

Die Kinder finden sich daheim gut mit den neuen Strukturen zurecht. Der Zweitklässler macht Homeschooling, das Kita-Kind malt. Sie spielen gemeinsam, schauen jeden Tag “Die Sendung mit der Maus”. Mein Mann sitzt im Homeoffice, unserem Wohnzimmer. Die Tür bleibt angesichts der Telefonkonferenzen zu. Ich fitzte mich durch Hausarbeit und Hausaufgaben, schreibe weniger über Kinderbuch-Lieblinge, sortiere stattdessen immer öfter meine Gedanken. Ich lese die Bibel. Ich glaube und bete.

Ich möchte mich von dieser Angst nicht ohnmächtig machen lassen. In diesem Leben hier darf trotz aller Talfahrten und dunklen Stunden die Zuversicht nicht weichen – egal was kommt, es wird wieder vergehen. Es wird weitergehen. Anders. Aber es wird weitergehen. Versuchen wir uns trotz allem die Freude zu bewahren. Nicht jene schnell konsumierten Glücksmomente zur unmittelbaren Befriedigung des Wohlbefindens. Ich meine die tiefe Freude – über das Wunder des Lebens und der Schöpfung. Der Frühling wird in den Sommer übergehen. Es werden Babys geboren. Vielleicht schaffen wir es, gute Gedanken zu gebären, die Hoffnung hochzuhalten, auch wenn wir uns manchmal selbst verloren fühlen.

In mir pulsieren die Worte meines Taufspruchs. Mögen sie an Wahrheit gewinnen. Mögen wir gemeinsam durch diese Zeit gehen, ohne dass die Schatten an unserer Seele nagen.

“Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.”

2. Timotheus 1,7

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