Wir von der anderen Seite (Rezension)

Als Rahel im Krankenhaus aufwacht, glaubt sie sich von den Folgen einer Nierenstein-Operation zu erholen. Doch es ist viel schlimmer. Schneewittchen, wie sie auf der Intensivstation genannt wird, hat man eben aus dem Koma zurückgeholt. Während Eltern und Bruder Juri sich rührend um sie kümmern, lässt sich ihr langjähriger Freund Olli nicht blicken. Permanent piepsen die Apparate um sie herum, in der Ecke sitzt ein Eichhörnchen und winkt ihr zu. Das ist immer noch besser als das Monster, welches nachts auf ihrer Brust hockt und das Herz zu zerreisen droht. Zurückkehren, das will Rahel unbedingt, aber um die Seite zu wechseln, muss sie ganz schön kämpfen…

Bin ich tablettensüchtig gewesen? Das fragt sich Rahel, als der Arzt nach dem Erwachen über ihren Zustand spricht. Die junge Frau, die als Drehbuchautorin mal mehr mal weniger erfolgreich ihre Brötchen verdient, kann sich nicht erinnern. Auch nicht daran, warum die Beziehung zu Olli plötzlich so schwierig ist. Rahel muss nicht nur wieder ihren Körper neu kennen lernen und kräftigen, sondern auch nach den fehlenden Puzzleteilen in ihrer Erinnerung suchen.

Jeder hier auf der Station keucht und schnauft beim Gehen, keiner von uns wird wohl je wieder so sein wie früher. Wir müssen alle akzeptieren, dass wir jetzt auf der anderen Seite leben, wo wir auf uns aufpassen müssen, wo der Herzschlag gemessen wird und wo wir mit der Angst leben, dass wir es nicht schaffen. Auf dieser Seite stehen wir, die Versehrten, und schauen sehnsüchtig auf die andere Seite, die der Sorglosen”

Anika Decker, “Wir von der anderen Seite” (S. 116)

Einen intensiven Debütroman präsentiert die äußerst erfolgreiche Drehbuchautorin Anika Decker mit “Wir von der anderen Seite”. Biografisch angehaucht, lässt sie hier ihre eigenen Erfahrungen nach dem Erwachen aus dem künstlichen Koma mit einfließen. Und genau diese Authentizität spürt man in jeder Zeile. Die Widersprüchlichkeit der Gefühle ebenso wie der brüchige Zustand der Patientin, die sich in Fremdbestimmung verirrt, aber niemals aufgibt, eine herzlich chaotische Familie sowie eine rätselhafte Liebesgeschichte – all das ist stark geschrieben. Es ist ein Buch, das einen packt, eines, das man nicht mehr zur Seite legen mag bis es ausgelesen ist.

“Wir von der anderen Seite” erzählt von der Krankheit als Chance, um zu erkennen, was zählt, welche Menschen letztlich zu einem halten, ehrlich sind und trotz aller Talfahrten lieben können. Vor allem zeigt uns der Roman von Anika Decker aber, dass wir uns letztlich selbst auf den Weg machen müssen, um eine Veränderung zu erwirken.

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Informationen zum Buch:

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Wir von der anderen Seite: Roman*
Anika Decker
Ullstein Buchverlage

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