Das Haus meiner Eltern hat viele Räume

Es ist für die meisten Menschen wohl der endgültige Abschied von der Kindheit. Der Verkauf des Elternhauses. Die Auflösung der Wohnung. Das Entrümpeln aller Zimmer. Vielleicht leben Mutter oder Vater noch, wollen nun den Wohnraum verkleinern, sind auf Hilfe angewiesen. So ergeht es der Journalistin Ursula Ott als sie gemeinsam mit der älteren Schwester die 87 jährige Mutter im Betreuten Wohnen einquartiert, hunderte Kilometer von Zuhause entfernt. Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr, heißt es. Womöglich kann es doch gelingen. Doch zuvor müssen sie sich auseinandersetzen, die Übriggebliebenen, die drei Frauen der Familie und all die Dinge aus den Zimmern räumen genauso wie ihre Erinnerungen an die Vergangenheit.

Es war stets ein kaltes Haus, sagt Ursula Ott über dieses Stück Heimat. Die Journalistin ist das Kind einer Generation, die ihre Gefühle eingemauert hat. Kriegskinder. Dafür wird im Wohnzimmer repräsentiert. Die Schrankwand aus massiver Eiche, Ölbilder, teure Zinnkrüge und Vasen. Wohin mit diesen Sachen, die auch für Flüchtlinge nicht zu gebrauchen sind?

Ein Jahr dauert es, um alle Zimmer zu entrümpeln. Jedes Ding in die Hand zu nehmen, abzuwägen, ob es noch im eignen Leben zu gebrauchen ist. Das kostet Zeit, es erfordert Kraft und löst manchen Konflikt aus. Aber der anfängliche Berg lässt sich wundersamer Weise abtragen.

Ursula Ott erzählt über das Mammutprojekt, vor allem für die Seele, der den meisten von uns irgendwann bevorsteht – jenes Leerräumen des Kindheitsortes. Es sind nicht allein die Dinge, die gewichtig sind. Sondern das, was sie in uns auslösen. Kalte Gegenstände. Im Überfluss. Aufgehoben haben sie fast alles, die Kinder eines großen Krieges. Warme Gegenstände. Davon nur wenige. Irgendwo dazwischen die alte Puppenstube des Urgroßvaters, die sich die Autorin in die Wohnung stellt.

“Das Haus meiner Eltern hat viele Räume” ist ein intensiver Erfahrungsbericht, der nicht loslässt. Die Charakteristik eben jener Kriegskinder, der Kriegsenkel ist vertraut, in Millionen Familienbiografien festgeschrieben. Und doch fehlt Mut, darüber zu sprechen. Ja, überhaupt die Worte, um jene Gefühle zu beschreiben. Ursula Ott aber versteht es, jene Traumatisierung und das Erbe eines Krieges, über Generationen hinweg, eindringlich zu benennen.

Neben jener sensiblen Schilderung über den Prozess des Loslassens, des Abschiednehmens, während man verschenkt, verkauft, vielleicht auch wegwirft, gibt uns Ursula Ott noch einen anderen Gedanken mit auf den Weg. Was brauchen wir überhaupt in unserem jetzigen Zuhause und welchen Ballast können wir getrost abwerfen, ehe wir unsere eigenen Kinder später einmal damit überfordern.


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Informationen zum Buch:

Das Haus meiner Eltern hat viele Räume: Vom Loslassen, Ausräumen und Bewahren*
Ursula Ott
btb

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5 Replies to “Das Haus meiner Eltern hat viele Räume

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