Hilfe, meine Kinder siezen mich!

“Möchten Sie ein Eis?” “Wollen Sie Schokolade oder Vanille? Wir haben auch Schlumpfeis.” “Möchten Sie eine Waffel oder einen Becher?” Meine Jungs haben den Wäscheständer mit ein paar Decken behangen, zwischen uns ein Turm aus Kissen, der als Theke fungiert. Wir spielen Eisladen im heimischen Wohnzimmer, während draußen der Regen gegen die Scheiben klatscht. “Soll ich Ihnen noch Streusel oben drauf tun?” Im ersten Moment bin ich etwas sprachlos, später belustigt über diese Anrede, jene gewählte Förmlichkeit, die der Große mir gegenüber anschlägt und in die der Kleine bald mit einstimmt.

“Wo hast du das denn her?”, frage ich ihn neugierig, doch er zuckt nur mit den Schultern. Ich weiß um die Unbefangenheit des Du’s fast aller seiner gleichaltrigen Freunde. Aber das Siezen von Erwachsenen, die weder verwandt noch gut bekannt sind, ist ein Prozess, der sich irgendwann einschleicht in der Grundschule. Bisher haben wir bewusst darauf verzichtet, dem Großen das Siezen gegenüber Erwachsenen, die nicht zur Verwandtschaft oder zum Freundeskreis gehören, zu empfehlen oder gar aufzudrängen.

“Das macht man eben so!”

Ich blicke zurück in meine eigene Kindheit, in der sich das nicht so spielerisch eingeübt hat. Dabei erinnere ich mich vor allem an eine ältere Nachbarin, eine pensionierte Lehrerin, die frühzeitig auf das Siezen bestand. Und ich konnte nicht verstehen, warum aus dem Du nun ein Sie werden musste, warum jetzt und augenblicklich der sogenannte Anstand regieren sollte. Irgendwie war das eine Einbahnstraße für mich, eine Waagschale auf der man sich nicht auf Augenhöhe begegnen konnte. Du, Frau W. – das existierte nicht mehr, während ich immer noch du – das Kind blieb. Nicht, dass ich das Siezen herbeigesehnt hätte, aber dieses Ungleichgewicht war anfänglich verstörend. Und meine Nachfragen beantwortete man einfach mit einem: Das macht man eben so!

Sie, das soll Respekt erzeugen. Damit kann man sich nicht nur höfisch begegnen, denn daher stammt unsere Höflichkeitsform schließlich, man kann sich Menschen damit auch vom Leib halten. Die Distanz in der Anrede erschafft künstliche Freiräume, in der man sein Gesicht wahren darf.

Auf Du und Du bis zur Spätantike

Die Einseitigkeit der verbalen Ehrerbietung jener Sie-Du-Ansprache findet sich übrigens erst ab dem 9. Jahrhundert im germanischen Sprachraum. Während der Adel und Klerus nun demütig mit Ihr anredet wurde, blieb der Rest bei einer ursprünglichen Anrede, beim Du. Die damalige Veränderung der Sprache hat ihre Wurzeln ganz sicher in der zunehmenden Abgrenzung der Fürsten vom gemeinen Fußvolk und der Demonstration eines Machtanspruchs über ihre Unfreien. Die frühe Neuzeit holte die Höflichkeitsform dann aber auch in die bürgerliche Stube. Ihr könnt diese Entwicklung ganz wunderbar bei Wikipedia nachlesen.

Das Siezen ist hierzulande noch sehr in der Sprachkultur verwurzelt, doch langsam bröckeln starre Strukturen. In immer mehr Firmen sprengt das Du die Hierarchien und dann ist der Chef eben “der Klaus”. Die Schweden bringen nicht nur im nordischen Design hergestellte Möbel aus Fernost zu uns, sondern auch das “Hej, du!” Warum können wir das manchmal nicht aushalten, diese ganze Offenheit, in der wir uns vor Fremden verbal entblößt fühlen? Der ein oder andere würde sich lieber auf die Zunge beißen, als das joviale Du eines Unbekannten zu erwidern. Kommt das noch von diesem einen in der Kindheit eingetrichterten Satz: Das macht man eben so!

Ein bisschen mehr Respekt, bitte!

Höflichkeit sollte nicht einzig mit dem Sie verschwägert sein. Höflichkeit wächst ganz allein in uns, wenn wir uns selbst und unseren Nächsten mit Liebe und Wertschätzung begegnen. Bringen wir besser diesen Grundsatz, den schon Jesus vor 2000 Jahren lehrte, unseren Kindern bei, als unseren Nachwuchs wegen falscher Verwendung einer pronominale Anredeform zu maßregeln. Auch in der Offenheit des Du’s entsteht Respekt füreinander, weil es keine Verkleidungen braucht und uns ebenbürtig macht. Vielleicht schaffen wir es irgendwann aus einem Jahrtausend des Ihrzen und Siezen wieder ein Zeitalter des Duzen zu machen, in dem man Brücken baut. Doch bis dahin müssen wir wohl noch viel diskutieren. Und das ist gut so.

Bei uns daheim trommelt der Regen inzwischen nicht mehr gegen die Fensterscheiben. Die Jungs packen ihren Eisstand zusammen, räumen alle Utensilien fort und mit ihnen das Sie. Aus der eisliebenden Kundin wird wieder “die Mama”. Der Rest der kindlichen Welt sinkt ebenfalls zurück ins Du und Du, wo man sich auch in Zukunft auf Augenhöhe begegnen wird.

5 Replies to “Hilfe, meine Kinder siezen mich!

  1. Hallo Katja (ich fange gleich mal mit dem Du an), ein wirklich schöner Beitrag! Für mich war es früher selbstverständlich, die Eltern meiner Freund*innen zu siezen. Heute graut mir eher vor dem Tag, an dem Besucherkinder mich siezen. Denn Du hast recht, Augenhöhe und gegenseitiger Respekt drückt sich über die Sprache aus, auch im gegenseitigen Du, statt im Gefälle erwachsen/jung. Viele Grüße, Svenja
    P.S. Und dann nehme ich bitte ein Schlumpfeis. Mit Waffel.

    1. Liebe Svenja,
      das hast du schön und passend gesagt.
      Ich mag von den Besucherkindern auch nicht gesiezt werden. Da fühle ich mich ganz greisenhaft.
      Und du hast Glück, eine Kugel Schlumpfeis wäre noch übrig. 😉
      Liebe Grüße, Katja

  2. Eine komische Sache mit dem Siezen. In Dänemark sagt man ja auch zu allen Du. Da musste ich mich erst einmal dran gewöhnen. Ich erinnere mich daran, dass ich in Deutschland durchaus das Sie dazu benutzt habe, um Distanz zu schaffen zu bestimmten Personen. Das kann man allerdings auch auf Dänisch, wenn man will, das Wort existiert.

    Ich weiss gar nicht mehr, wie das in meiner Kindheit war. Ich kann mich nicht daran erinnern, zu fremden Erwachsenen jemals Du gesagt zu haben. Aber ich bin ja auch eine Generation älter. Das war eben so … aber gegen das einseitige Siezen lehnte ich mich auf sobald ich in die Pubertät kam … 😉 … mit 18 wurden wir in der Schule gesiezt. Von heute auf Morgen, gestern noch Du und dann auf einmal Sie, war auch komisch, aber auch besser.

    Eines stimmt auf jeden Fall, der Respekt einem anderen Menschen gegenüber hängt nicht vom Du oder Sie ab.

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