Auf-Geben

Es dreht sich ums Geben am Dreikönigstag. Vielleicht gehört das Aufgeben aber auch irgendwie dazu, selbst wenn dies vor allem ein Geschenk an uns selbst sein kann.

Die selbstgewählte oder erzwungene Opulenz der Weihnachtstage hat uns gesättigt. Möglicherweise hat der Überfluss uns auch eine Art Übelkeit beschert, aus der wir nur herausfinden, wenn wir anfangen, Ballast abzuwerfen.

Mir geht es so. Mein Blick schweift über die zumeist vollen Regale hinweg, all das Sammelsurium an Dingen, die sich in einem Vier-Personen-Haushalt auf 75 Quadratmetern Wohnfläche anhäufen. Es ist mir plötzlich zu eng und vielleicht werde ich mich etwas behaglicher fühlen, wenn ich all die Weihnachtsdekoration in Kisten verstaut habe. Vielleicht bleibt trotzdem das Gefühl von Zuviel.

Ich bin selbst Schuld daran. Da ist die volle Stofftruhe, nicht nur mit neuen Stoffen angefüllt, sondern auch winzigen Reststücken sowie Kleidung, zu eng, zu kurz, aus der noch etwas anderes entstehen könnte. Da sind die vielen Bücher, größtenteils gelesen, aber viele auch noch jungfräulich. Hinzu kommt eine Papierflut aus Dokumenten, Schriften, Erinnerungen. Von den Bastelutensilien, dem Karton mit Wolle ganz zu schweigen.

Es sind Erwartungen am mich selbst, dies oder jenes in Angriff zu nehmen, das ein oder andere Projekt zu realisieren. Doch Jahr um Jahr häufen sich Dinge an, von denen nicht einmal die Hälfte von Kreativität verwandelt wird.

Ja, es stimmt. Manchmal werde ich zum Opfer schöner Dinge, die ich besitzen möchte. Sei es der Jerseystoff, der sich so wunderbar weich in meine Hand schmiegt oder der Papierbogen mit den tollen Retro-Motiven. Irgendwann, ja sicher, ja ganz bestimmt, wird etwas Besonderes daraus werden – handgefertigt, hübsch, eventuell zum Geschenk geeignet. Vielleicht aber auch nicht.

Dinge und die damit verbundenen Erwartungen

Ich brauche eine Pause davon. Jene Kreativität kann sich kaum mehr entfalten, weil alte Ideen sich so sehr verwurzelt haben, dass sie mich träge machen. Das Zuviel an Optionen befähigt zu keinerlei Handlung mehr. Ich werde die Schichten an Zeug Stück um Stück abtragen müssen – besehen, bewerten, verschenken, verwenden, aufgeben.

Und das ist doch wiederum das Schöne am Entrümpeln. Dass wir plötzlich wieder ein Maß für all das finden, was bedeutsam ist. Altes aufzugeben, jener äußere Prozess, den wir dabei durchlaufen, durchdringt auch unsere Innenwelt. Jenes Ausmisten konfrontiert uns mit manchem (ungesunden) Lebensmuster. Das Prinzip ist nicht neu, die therapeutische Wirkung längst bestätigt.

Doch warum ausgerechnet jetzt? Warum packt uns das Entrümplungsfieber so gern im Januar? Nach den Weihnachtstagen mit aller Festlichkeit und Lichterglanz zeigt uns der Januar vor allem eines: Kargheit. Die muss jedoch nicht bedrohlich empfunden werden. Vielmehr ist es eine Art Einfriedung, in der wir uns bewusst machen dürfen, was in den kommenden Monaten in uns wachsen darf. Welche Blüten sollen aufbrechen? Welche Früchte wollen wir tragen? Stellen wir zu viele Erwartungen an uns selbst, kann uns das erdrücken und eben nichts wird gute Frucht bringen, weil wir uns gelähmt fühlen von allen Ansprüchen.

Das Loslassen von Dingen hin zu mehr Lebendigkeit

Ich mache mich auf, um den Inhalt meiner Schränke zu sortieren. Das mag dauern. Aber vielleicht entwirrt sich mit jeder Schublade, die ich aufziehe, ein Knoten in mir – hat es doch vor allem den Zweck, sich leichter zu fühlen. Denn das ist es, was uns der ständige Tamtam ums Konsumieren vergessen lassen will. Das Aufgeben von ein paar Dingen ohne sie ersetzen zu wollen, das Weggeben, es ist keine Bedrohung, kein Verlust. Es ist vielmehr ein Stück Freiheit, mit der wir uns beschenken können – und ganz bestimmt auch jemand anderen. Da ist wieder mehr unbeschwerter Raum in uns, um uns, in unserem Tun und Denken. Da ist mehr Zeit für das Gegenüber und manches Erlebnis, das ganz ohne Dinge auskommen mag.

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