Wenn erwachsene Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen – Schritte zur Heilung

Immer wieder lese ich von Kontaktabbrüchen zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern. Vera, 42 Jahre, hält es nicht mehr aus, dass ihre Mutter sie ständig bevormundet, obwohl sie längst selbst verheiratet ist und eigene Kinder bekommen hat. Markus konnte es seinem Vater nie Recht machen. Statt lobenden Worten hörte er stets nur Kritik. Markus fühlt sich auch heute noch nicht gut genug, obwohl er inzwischen erfolgreich eine eigene Firma leitet. Natalies Mutter flieht vor jedem Konflikt mit ihrer Tochter. Ihr Missfallen zeigt sie Natalie mit Schweigen. Sie spricht lieber mit Außenstehenden über die Probleme in der Mutter-Tochter-Beziehung als sich mit Natalie an einen Tisch zu setzen. Andreas Vater redet ständig nur von sich, bauscht jede Sorge auf und verliert sich in Negativität. Andrea fühlt sich überhaupt nicht wahrgenommen.

Das sind nur einige Beispiele, die eine ungesunde Beziehung zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern zeigen. Es sind die Schatten der Vergangenheit, die sich auf die Gegenwart gelegt haben und auch fortbestehen werden, wenn die alten Muster nicht gelöst werden.

Meist sind es die Kinder, die jene Brücke zu ihren Eltern abreißen. Es mag den Anschein haben, als würde der Vorgang abrupt erfolgen, erwischt es die Eltern doch irgendwie kalt. Doch dem ist nicht so. Die meisten Kinder, die den Kontakt zu Vater oder Mutter oder beiden Elternteilen abbrechen, reagieren aus einer Folge langer Verletzungen oder Enttäuschungen heraus. Meist fühlen sie sich ohnmächtig. Sie schaffen es aus eigener Kraft nicht, etwas an der Qualität der Bindung zu ändern und kappen sie daher irgendwann ganz gezielt, als in jenem Zustand bleiben zu müssen, der sie immer wieder verletzt. Am Punkt eines Kontaktabbruch geht es meist nicht um Bestrafung eines Verhaltens der Eltern, sondern eher darum, dass das Kind lieber die Eltern verliert, als sich selbst. Reden möchte darüber kaum jemand. Zuviel Scham haftet dem Thema an.

“Hallo, ich Bin so unendlich Traurig und Ich fühle mich hilflos.”

Oft ist es erst das Gespräch mit ebenfalls Betroffenen oder der Gang zum Therapeuten oder Seelsorger, der eine erwachsene Tochter bzw. einen erwachsenen Sohn verstehen lässt, warum er sich in Bezug auf seine Eltern so schlecht fühlt. Manchmal hat die Eltern selbst schon jahrelang eine Depressionen oder Angststörung im Griff oder sie leiden unter einer Persönlichkeitsstörung wie Borderline, ohne dass ihnen das überhaupt bewusst ist oder sie etwas dagegen unternehmen möchten. Kinder fühlen sich psychisch krank ohne zu ahnen, dass sie selbst jahrelang unter Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen aufwuchsen.

Die Kinder sehen Mutter und Vater bis zu einem gewissen Alter als fehlerlose Wesen an. Sie stehen für sie auf einem Sockel, der aber spätestens in der Pubertät bröckeln muss, damit der Nachwuchs ein authentisches, selbstbestimmtes Leben führen kann. Eltern sind eben auch nur Menschen, heißt es dann. Oft ist es diesen Eltern aber gar nicht bewusst, dass auch sie Fehler machen oder gemacht haben. Eine Schuld einzugestehen, kommt vielen als Versagen gleich. Stellt sich ein Elternteil als unfehlbar hin und verweigert damit echte Zuneigung, indem es den Wesenskern des Kindes nicht annehmen, ja überhaupt nicht sehen möchte, stattdessen kritisiert und manipuliert, wird das Kind sich ständig fragen, was mit ihm eigentlich nicht stimmt. Das Kind wird zur Blüte degradiert, die sich nicht öffnen darf. Und es macht seinen Wert als Mensch davon abhängig, wie die Eltern es behandeln.

FAlsche Glaubenssätze

“Mein Vater kritisiert mich ständig. Nie findet er ein gutes Wort für mich. Ich mache alles falsch.” Die Seele ist schwer erschüttert und irrt haltlos durch Negationen, wenn sie sich nur daran orientiert, wie der Elternteil mit dem Kind umgeht. Kinder brauchen in den ersten Lebensjahren einen Erwachsenen, der ihre Gefühle spiegelt, um sich selbst zu erkennen und ihre Gefühle später selbst regulieren zu können. Wird ihnen das im Heranwachsen verweigert, beginnt das Kind im schlimmsten Fall den Erwachsenen zu spiegeln, um gar irgendeine Aktion zu erhalten. “Die Mutter redet nicht mit mir. Ich bin es nicht wert, dass man mit mir spricht. Ich muss ihr schmeicheln und mich ihrem Willen fügen, damit sie mich überhaupt wahrnimmt.”

Eltern sind oft auch Opfer…

…von Opfern. Die Eltern haben meist das Beste gegeben, was sie geben konnten. Manchmal reicht das aber längst nicht aus, um eine glückliche und friedvolle Bindung zwischen sich und dem eigenen Nachwuchs aufzubauen. Denn oft erfolgte das Verhalten der Eltern aus Mustern heraus, die in ihrer eigenen Kindheit angelegt wurden. Das heißt längst nicht, dass alles entschuldbar ist. Das ist es ganz bestimmt nicht.

Auch Veras Mutter war einmal ein Kind. Sie wurde eventuell als eine von vier Geschwistern von ihren Eltern vernachlässigt. Weder Vater noch Mutter konnten ihre Gefühle zeigen. Hatte Veras Mutter als Kind ihre Trotzanfälle wurde sie von ihren Eltern nur verspottet. Oder Markus Vater; er musste vermutlich schon sehr früh zu Hause helfen, weil die Mutter schwer krank war und der Vater eine neue Familie mit einer anderen Frau gründete. Natalies Mutter wuchs vielleicht bei alkoholkranken Eltern auf, die ständig lautstark stritten oder sich in sich selbst zurückzogen. Und Andreas Vater war womöglich ein “Unfall” seiner Eltern und bekam dies ständig zu spüren.

Jeder Mensch bringt eine Geschichte mit und selten fühlt sich diese so heil an, wie sie vielleicht nach außen hin den Anschein haben mag. Wenn dieser Mensch dann selbst Vater oder Mutter wird, will er versuchen es besser zu machen, doch oft sind Verhaltensweisen angelegt, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, weil gar nicht erkannt wird, dass sie ungesund sind oder es haben sich seelische Störungen durch mangelnde Fürsorge entwickelt.

Wenn sich ein erwachsenes Kind rückblickend vom Verhalten der Eltern verletzt fühlt, lohnt auf jeden Fall ein Blick auf die Kindheit der Eltern, das Fragen nach deren Vergangenheit, um zu ergründen, woher dieses Verhalten eventuell stammt. Nicht immer leuchtet uns ein, warum Vater oder Mutter sich den Kindern gegenüber so gegeben haben, aber vielleicht können wir erkennen, dass die Eltern auch nicht unbedingt in einer Friede-Freude-Eierkuchen-Szenerie aufgewachsen sind.

lasse Ich dich los? oder ich lasse das jetzt los!

Erwachsene Kinder sollten sich bewusst machen, dass ihr Leben nicht mehr abhängig ist von dem der Eltern. Auch wenn in der Kindheit ein Mangel an Fürsorge bestand, darf es heute nicht mehr Ziel sein, die fehlende Zuneigung nachträglich von den Eltern (oder einer Ersatzperson) einzufordern. Der Wert des Kindes ist nicht abhängig vom Verhalten der Eltern. Das Kind darf, nein, es muss sich unbedingt klar darüber werden, dass es ein überaus liebenswertes Wesen besitzt.

Selbstliebe und Selbstfürsorge sind ungemein wichtiger zu erlernen – ja, auch wenn das ein langer, arbeitsreicher Weg ist, desto lohnenswerter ist er – als beständig darauf zu hoffen, dass die Eltern das Kind endlich so annehmen wie es ist und ihre Freude darüber zeigen. Sie können es meist nicht, weil sie nicht gelernt haben, sich selbst zu lieben. Wenn das Kind sich selbst spürt und sich zu schätzen weiß, kann es erkennen, dass sein Wert als Mensch nicht davon abhängig ist, ob es die Erwartungen der Eltern (oder anderer Menschen) erfüllt oder nicht erfüllt.

In Gottes Liebe aufatmen

Auf jeden Fall hilft es auf dem Weg der Heilung, sich bewusst zu machen, dass wir alle vor Gott ein liebenswertes Wesen besitzen. In der göttlichen Liebe finden wir den Hafen, in dem wir Schuld loslassen und um Vergebung bitten und sie erbitten können. Denn oft ist es leider gar nicht (mehr) möglich, mit den Eltern ein klärendes Gespräch über die Vergangenheit zu führen.

Unterstützung suchen

Die Aufarbeitung findet, wenn möglich, mit professioneller Begleitung statt – ob dies ein Psychologe, Seelsorger oder anderer Heiler ist. Das Auge eines unparteiischen Dritten sieht oft mehr, als man im eigenen Gefühlschaos wahrnehmen kann.

Manchmal muss ein Band zerrissen werden, damit es neu geknüpft werden kann.

Oft bedeutet ein Kontaktabbruch neben einer verzweifelten Ohnmacht auch erst einmal ein tiefes Durchatmen. Er bildet eine erste Maßnahmen, die eine Beziehung verändern kann. Wie sie sich neu formiert, hängt von der Einstellung beider Seiten ab, ohne das eine erneute ungesunde Abhängigkeit zwischen beiden Parteien entstehen soll. Die Figuren werden neu gemischt. Gehen erste zögerliche Schritte mit der Wahrung der eigenen Grenzen sowie der des Gegenübers einher, kann es möglich sein, Fuß zu fassen und die Beziehung nicht nur wieder zu beleben, sondern zu einem neuen Erleben zu bringen.

Da bist du. Hier bin ich.

Wichtig ist, dass man sich auf Augenhöhe begegnet. Der kindliche Anteil des Erwachsenen sollte vom Erwachsenen selbst beschützt werden können und sich nicht aus lauter Sehnsucht ständig wieder ausliefern. Die Eltern müssen dagegen aufhören, ständig nur den kindlichen Anteil im erwachsenen Gegenüber anzusprechen. Wir sollten uns einmal fragen, ob wir so miteinander umgehen würden, wenn wir nicht miteinander verwandt wären? Nicht zu vergessen, ist bei allem Konfliktpotential das Herausfiltern angenehmer Erinnerungen – und das betrifft durchaus beide Seiten. Diese sollten nicht als selbstverständlich hingenommen, sondern sie bedürfen einer dankbaren Betrachtung.

Positive Glaubenssätze formulieren

Wenn wir verzeihen, in dem wir uns noch einmal das kleine Kind in unseren Eltern ansehen, fällt es uns vielleicht leichter loszulassen. Wir können erkennen, dass wir heute den Verletzungen nicht mehr ausgeliefert sein müssen. Da steht keine Übermacht vor uns. Und wir dürfen unsere Grenzen aufzeigen, ohne dabei die Grenzen des Gegenübers zu verletzen. Wir dürfen sagen, was uns missfällt und geduldig im Glauben hoffen, dass sich etwas ändert und auf einen guten Weg gebracht wird. Denn ganz bewusst einen guten Weg zu erbitten, immer und immer wieder, erweist sich als ungemein wichtige Entscheidung, die uns von Schuld, Scham und Wut befreit.

Take a sad song and make it better.” (Paul McCartney)

Die Vergangenheit loslassen – Das innere Kind befreien

Wir lassen los, wenn wir Vertrauen entwickeln, um – jetzt, hier und heute – auf dem Weg der Heilung zu gehen und allen Groll aufzulösen. Dann können wir uns wirklich frei fühlen. Wenn wir beginnen uns selbst zu lieben und uns annehmen, können wir auch beginnen, anderen zu verzeihen. Abhängigkeiten lösen sich auf. Eine Begegnung kann stattfinden.

5 Replies to “Wenn erwachsene Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen – Schritte zur Heilung

  1. wunderbarer Beitrag liebe Katja 🙂
    ich weiß bis heute nicht — wie ich es mit der Erziehung meiner vier Kinder hatte bewältigen können
    Junge Eltern lernen mit den Kinder – zum Teil war ich Alleinerziehend – mein Mann arbeitete Auswärts auf Montage als Montagleiter – wir hatten das Geld nötig um den Kinder eine vernünftige Schulausbildung zu gewährleisten.
    Meine Kindheit verlief durchwachsen – es lag nicht an meiner Mutter – sie war eine vorbildliche Mutter – mein Vater betrank sich immer am Wochenende – er wurde zu meiner Mutter handgreiflich – sodass ich mich allzu oft schützend auf sie warf – ich verbrachte teilweise eine gewisse Zeit im Waisenhaus – Muttern war krank und alles geschah stets bei einer Nacht und Nebel Aktion – da sie ins Krankenhaus musste – ich erfuhr wenig Liebe und Zuneigung – eher Prügel von den Nonnen …
    die meisten meiner Beiträge sehnen sich nach inniger Umarmung und schreien nach Liebe – die ich sehr vermisst hatte – auch während meiner langen Ehejahre – wo war er denn – als ich verzweifelt nach Hilfe schrie? —
    es flossen viele Tränenbäche die Wange herunter –

    Ich grüße Dich lieb und wünsche dir eine schöne Sommerzeit mit deinen Jungs 🙂
    die zuzaly 🙂

    1. Liebe Zuza, danke für deine sehr bewegende Nachricht. Erst einmal Hut ab, dass du vier Kinder aufgezogen hast. Deine Kindheit war nicht einfach und wahrscheinlich hatte dein Vater große Probleme mit seiner Selbstachtung und das Gefühl von Minderwertigkeit entlud sich auf euch. Zuza, du und deine Mutter konnten nichts dafür. Aber letztlich habt ihr zwei die Rollen getauscht, denn du hast dich schützend vor deine Mutter gestellt, weil sie sich nicht schützen konnte und somit auch dich nicht. Ich verstehe gut, dass sich das Kind in dir nach Liebe sehnt. Du musstest schnell erwachsen werden. Die Beziehung zu Gott kann da einen tiefen Riss erfahren, gerade weil Gott als Vater angesprochen wird und dein leiblicher Vater dir keine Liebe entgegenbringen konnte. Letztlich war er sicher selbst traumatisiert von eigenen Kindheitserfahrungen. Was aber keine Entschuldigung für sein Verhalten ist. Die Nonnen hätten dich nicht schlagen dürfen. Das ist absolut falsch und unchristlich. Aber das war nicht Gott, der das getan hat, auch wenn er nicht unmittelbar zur Rettung eilte. Aber ich glaube fest daran, dass Gott trotz aller Schicksalsschläge nah bei dir ist und dich liebt genauso wie du bist.

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