Unwiderstehlich von Adam Alter (Rezension)

Im Jahr 2008 verbrachte ein Erwachsener etwa 18 Minuten mit seinem Handy. Einige Jahre später hat sich diese Zeit verzehnfacht. Der Durchschnittsnutzer starrt inzwischen drei Stunden oder länger pro Tag auf sein Smartphone. Das sind immerhin über 1000 Stunden pro Jahr. Smartphones fressen unsere Lebenszeit. Wir können uns den Alltag ohne sie nicht mehr vorstellen. Die Technik beeinflusst beinah jeden Berufszweig, im Privatleben ist sie nicht mehr wegzudenken. Doch irgendwie hat sie uns auch überrollt. Wir sind süchtig nach ihr, nach den Plattformen, die mit Likes unser Belohnungssystem füttern, nach all dem Blinken und Piepsen, das unsere Antwort erzwingt. “Unwiderstehlich” nennt das der Sozialpsychologe Adam Alter. In seinem Buch geht er den Verhaltenssüchten auf den Grund und beleuchtet neben der Abhängigkeit vom Mobiltelefon, von Social-Media-Kanälen, vom Online-Shopping ebenso die Fitness-Sucht, die Arbeitssucht, den exzessiven Serienkonsum und die Sucht nach Spielen wie World of Warcraft.

Nimm nie selbst die Drogen, die du verkaufst

Als Steve Jobs 2010 der Öffentlichkeit das iPad vorstellt, preist er es nicht nur in den höchsten Tönen. Er empfiehlt es jedem. Nur seinen Kindern verweigert er hartnäckig die Benutzung. Steve Jobs wusste längst um den süchtig machenden Effekt, der mit dem Technikkonsum einhergeht. Auch Evan Williams, Mitbegründer von Twitter, kaufte seinen Söhnen lieber Bücher statt die neuesten Technologien.

Doch es ist längst nicht mehr das einfache Vorhandensein der Technik, welches Kinder gefährdet. Sie brauchen zuallererst Vorbilder. Mancherorts beschweren sich Kinder mittlerweile bei Psychologen, dass ihre Eltern sich im Dauermedienrausch befinden. Wir leben Ihnen etwas vor, dass ihre Entwicklung und ihr Sozialverhalten beeinflusst. In welchem Ausmaß, wissen wir noch gar nicht.

Die Biologie der Sucht

Adam Alter erklärt in “Unwiderstehlich” unter welchen Bedingungen Süchte entstehen und wodurch es immer wieder zu Rückfällen kommt. Er zieht dabei auch Studien über die Heroinsucht von GJ’s, die im Vietnamkrieg kämpften, heran und vergleicht dies unter anderem mit Fällen, in denen Menschen durch ihre Abhängigkeit vom Computerspiel World of Warcraft praktisch ihr Leben zerstörten. Der erschreckende Grundton dabei ist, dass jeder Mensch eine Sucht entwickeln kann, sobald das Lustzentrum stimuliert wird. Denn Drogenkonsum und suchtauslösendes Verhalten aktivieren die gleichen Regionen im Gehirn.

Dranbleiben!

Wie schafft es nur dieser riesige Wirtschaftszweig, dass wir am Bildschirm hängen bleiben, dass wir uns zum Serien-Junkie entwickeln, in einen Dauershoppingrausch verfallen, in Online-Welten abtauchen oder dass wir uns zu immer neusten Höchstleistungen antreiben, damit wir unsere Laufzeiten auf Instagram und Facebook veröffentlichen können? Adam Alter weiß, dass ein Verhalten vor allem erst dann suchterzeugend werden kann, wenn wir es zur Linderung von Angst, Traurigkeit und Einsamkeit nutzen. Kleben wir also am Smartphone, weil wir unglücklich sind?

Das Smartphone ist nicht dein Gehirn

Der Sozialpsychologe liefert im dritten Teil seines Buches eine Hilfestellung, um die Routine der Sucht zur durchbrechen. Die eigene Intuition soll so wiedererlangt werden und somit auch dem Nachwuchs geholfen werden. Dabei appelliert Adam Alter an das menschliche Miteinander und eine empathische Kommunikation. Dennoch wird die Technologie weder verteufelt, noch soll sie verbannt werden. Vielmehr darf sie uns unterstützen, unseren Alltag zu erleichtern und nicht zum Zeiträuber werden, der uns versklavt.

Du bist der Nutzer – lass dich nicht benutzen

Adam Alters Buch entpuppt sich als unwiderstehliche Lektüre. Er seziert nicht nur mit scharfen Verstand die Tricks der Internetmogule um unsere Aufmerksamkeit, er weist uns auch einen Weg aus der Opferrolle im Zeitalter der Zielsetzung und des Perfektionismus. Es wird ganz klar, dass wir es in der Hand haben, wenn wir es wollen. Denn eines darf uns durchaus bewusst sein: dieses Leben auf Erden, dieses kostbare Geschenk sollte nicht in so einem überwältigenden Ausmaß vor dem Bildschirm stattfinden, dass wir beginnen die Realität um uns herum zu vergessen.

Informationen zum Buch:

Unwiderstehlich
Adam Alter
Berlin Verlag

3 Replies to “Unwiderstehlich von Adam Alter (Rezension)

    1. Da bleibt man ja meist auf ein Thema fokussiert. Aber vermisst du da nicht das Rascheln von Papier, den Geruch und die Haptik? Komm gut in die neue Woche. Liebe Grüße

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