Schwierige Beziehungen entlasten – Sich von Erwartungen lösen

“Ich habe gedacht, du würdest dich eher mal melden!” “Das hättest du ruhig anders sagen können. Ich dachte, du liebst mich!” “Nie, nie hätte ich gedacht, dass du dich mal so verhalten würdest!” “Warum hast du denn bloß keine Zeit dafür?” “Alles andere scheint dir ja wichtiger zu sein.” “Ich bin so unendlich enttäuscht von dir!”  Den einen oder anderen Satz haben wir vielleicht schon mal gehört. Vielleicht haben wir ihn auch selbst gedacht. Wir fühlen uns verletzt oder verletzten einander, weil wir eine Erwartung haben oder mit Erwartungen konfrontiert werden, die nicht erfüllbar sind. Grenzüberschreitungen unter Verwandten, Freunden, Liebenden, Kollegen und Nachbarn, Grenzüberschreitungen, bei den wir uns nicht wohl fühlen, werden eingefordert oder wir fordern sie ein, damit es uns in irgendeiner Weise besser geht, den anderen aber durchaus belasten oder überfordern kann. Meist ist die Erwartung von vornherein mit einer Enttäuschung verknüpft. Entsteht sie doch aus einem Verlangen, welches das Gegenüber in eine Pflicht nimmt. In der Erwartung steckt nicht die liebevolle Botschaft eines Wunsches oder einer Bitte. Die Erwartung berechnet und sie rechnet ab. Sie macht unfrei. Denn mit Erwartungshaltungen drängt man sich selbst in die Opferrolle.

Und das ist jetzt der Dank!

Beziehungen zwischen erwachsenen Menschen, die von unausgesprochenen oder deutlich gemachten Erwartungen dominiert werden, fühlen sich leider sehr selten leicht und unbeschwert an. Denn eine Erwartung zu haben, ist nicht das Gleiche wie eine Bitte um Hilfe zu formulieren, über die man sich freuen mag, wenn sie erfüllt wird. Vor allem die unausgesprochenen Erwartungen führen zu inneren und äußeren Konflikten. Es werden mitunter Gegenleistungen eingefordert, weil das Geben kein Geschenk ist, sondern eine Auflage. Vergleiche mit anderen oder der eigenen Vergangenheit belasten die Beziehung zusätzlich.

Erwartungen machen oft krank

Wenn wir etwas erwarten, wünschen wir nicht. Und wir binden diese Erwartung an unsere Nächsten, drängen im Innersten danach, dass unsere Belange doch erfüllt werden. Manchmal koppeln wir auch unsere Liebe an die Erfüllung, ziehen uns dann enttäuscht zurück, wenn unser Wollen, das oft nicht einmal konkret in Worte formuliert wurde, keine Erhörung findet. Wir schmollen mit dem Anderen, ärgern uns ganz schrecklich darüber und ja, manchmal wollen wir auch nicht vergeben. Meist gelingt es gar nicht zu sehen, dass das Gegenüber schlicht und ergreifend überfordert ist mit dieser Erwartung. Lieber stellen wir eigene emotionale Verletzungen zur Schau oder suhlen uns gar in der vermeintlichen Ablehnung.

Erwartungen trüben die Lebensfreude

Unsere Erwartung an ein Gegenüber wurde nicht erfüllt. Wir sind enttäuscht und wir ziehen uns zurück, weil der Andere uns scheinbar Schlechtes will. Oft beginnt dann das Grübelkarussell zu kreisen. Wir fragen uns, was mit uns nicht stimmt. Warum liest der Andere uns nicht die Wünsche von den Augen ab? Sind wir nicht liebenswert? Warum tut man uns das an? In unseren Köpfen spuken Groll und Angst. Wir sind so fokussiert auf die Nichterfüllung unserer Erwartung, dass wir das Gegenüber als schlecht sehen und uns selbst schlecht fühlen. Weder Schönheit noch Freude sind dann wirklich erfahrbar. Dieser Ärger lässt uns verbittern.

Das Trugbild eines Gauklers

Letztlich ist es unser Ego, welches die Erwartungen und auch die Negativität bei Nichterfüllung produziert. Es ist unser Ego, das verlangt, dass die Welt sich uns zu Füßen legt. Das Ego erschafft immer wieder neue Erwartungen, weil die Gegenwart nicht gut genug ist. Dass jenes Glücksgefühl erst in der Zukunft erfahrbar wird, wenn man diesen oder jenen Zustand erreicht hat. Das Ego macht es dabei schwer, eine Veränderung an sich selbst zu zulassen.

SEine eigenen Erwartungen Aufgeben – dAnkbarkeit üben

Es ist wie es ist, seit Anbeginn der Zeit: jeder Mensch hat oder hatte schon einmal Erwartungen an einen anderen Menschen. Manchmal wird diese Erwartung erfüllt. Meistens aber nicht. Denn die Realität sieht oft anders aus. Vor allem die großen, mitunter aber auch die klitzekleinen Erwartungen machen das Leben schwerer und sie belasten Beziehungen. Sie führen zu Enttäuschungen, gar nicht so sehr über die ausbleibende Handlung oder das Verhalten, sondern über den Menschen selbst. Das ist das Fatale. Die Wichtigkeit einer Beziehung gerät in Abhängigkeit zur Erfüllung der eigenen Erwartungen. Das Gegenüber verliert regelrecht an Wert. Aber ist es wirklich unser Wille, unsere Ego-Erwartungen über den Menschen zu stellen? Dieser ist doch so viel mehr als nur ein Werkzeug für die Verwirklichung unserer Bedürfnisse. Wenn wir aufhören, andere für unser Glück verantwortlich zu machen und sie für uns zu instrumentalisieren, können wir anfangen in der Gegenwart glücklich zu werden. Denn nur im Jetzt ist das Glück wirklich zu begreifen. Beginnen wir nur einmal damit, jene Schönheit zu betrachten, die uns umgibt und das, was wir bereits haben, zu schätzen. Das wiederholte einüben von Dankbarkeit kann Erwartungen auflösen.

Bis hierhin und nicht weiter

Wie geht man aber um, mit den Erwartungen anderer Menschen, jenen Ansprüchen denen man sich körperlich oder mental nicht gewachsen fühlt? Es ist nicht nur entscheidend, seine eigenen Grenzen zu kennen, um sich nicht zu überfordern, sondern diese Grenzen auch ganz klar aufzuzeigen. Dies nicht zu tun, weil man einen Konflikt scheut, mag im Moment zwar Frieden bringen, verschlimmert die Sache auf Dauer aber noch mehr. Eine Grenze aufzuzeigen schmälert weder die Nächstenliebe noch zeigt das ein egoistisches Verhalten. Was das Gegenüber als Selbstsucht auslegen mag, ist oft ein Selbstschutz.

Das Leben ist ein Wunschkonzert

Viele Beziehungen zu Freunden, Verwandten oder dem Partner zerbrechen an Enttäuschung, und obwohl nicht immer die Erwartungen an der Veränderung der Bindung Schuld sind, lohnt der gezielte Blick auf seine eigene Haltung bezüglich des Gegenübers.

  • Was genau will ich eigentlich, das dieser Mensch für mich tut? Und warum soll er es tun?
  • Ist dieser Mensch wirklich dafür zuständig, mich glücklich zu machen? Oder überfordere ich ihn mit Ansprüchen, die ich selbst gar nicht erfüllen könnte?
  • Könnte ich eventuell eine unausgesprochene Erwartung in Worte formulieren und als Bitte äußern?
  • Wäre ich über die Nichterfüllung meiner ausgesprochenen Bitte ebenso enttäuscht wie über die Nichterfüllung meiner nie ausgesprochenen Erwartung? Wenn ja, trage ich damit nicht ganz offensichtlich eine Angst vor Ablehnung meiner Selbst mit mir herum, statt nur die Enttäuschung über die fehlende Realisierung einer erwarteten Handlung?
  • Reagiere ich auf eine erfüllte Erwartung mit ebenso viel Freude und Dankbarkeit wie auf die Erfüllung eines Wunsches oder nehme ich es als selbstverständlich hin?

Erwartungen entstehen schnell in unseren Köpfen. Manchmal sind wir uns ihnen gar nicht so bewusst. Aber eine Erwartungen in einen Wunsch zu verwandeln, den wir offen formulieren, kann eine Beziehung enorm positiv festigen. Ein “Ich wünsche mir” statt ein “Du sollst” gibt beiden Seiten Luft zum Atmen. Es beinhaltet Respekt des Gegenübers und es achtet Grenzen.

Die Nichterfüllung des Wunsches macht uns vielleicht ein bisschen traurig. Aber wenn wir dabei die Grenzen unseres Gegenübers hinterfragen, schmälert die Nichterfüllung wahrscheinlich weder unseren Selbstwert noch verletzt sie uns so sehr, dass wir glauben, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

13 Replies to “Schwierige Beziehungen entlasten – Sich von Erwartungen lösen

  1. Hallo Katja, danke für diesen Artikel. Es begeistert mich immer wieder, wie klar und präzise du ein Thema durchleuchtest. Das Thema “Erwartungen” ist wirklich ein wichtiges in allen Beziehungen, die wir haben. Darf ich deinen Artikel (mit Quellenangabe und Hinweis auf deinen blog) in unserer Gemeindezeitung abdrucken? Liebe Grüße, Bettina

    1. Liebe Bettina,
      ich danke dir von Herzen für deine Worte. Momentan beschäftigt mich dieses Thema (wieder) sehr. Es könnte manchmal so einfach sein, sich besser zu verstehen, wenn wir einfach unsere Erwartung verwandeln würden.
      Gern darfst du den Artikel drucken. Ich freue mich sehr darüber.
      Viele liebe Grüße
      Katja

        1. Das ist schön. Ich danke dir. Ich hoffe, ich kann mit meinen Worten ein paar Impulse geben. Über eine Ausgabe eurer Gemeindezeitung würde ich mich natürlich auch sehr freuen. 😉

          1. Liebe Katja, magst du mir vielleicht über email deinen vollen Namen senden, damit wir deinen Artikel kennzeichnen können? Oder ist es dir lieber, wenn wir auf den blog verweisen? LG, Bettina

          2. Liebe Bettina,
            ich hoffe, dir geht es inzwischen wieder besser.
            Komm gut in die neue Woche.
            Liebe Grüße Katja

    1. Vielen Dank für dein Feedback. “Licht” – das klingt wunderbar. Es wäre schön, wenn wir alle davon geben könnten.
      Liebe Grüße zu dir

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