Die Sage von Prometheus – Oder warum Kinder ein Recht auf ihre Gefühle haben

Da ist so ein Gefühl. Das ist kantig und auch ein bisschen rau. Vielleicht ist es Unwille, vielleicht ist es Trotz, vielleicht ist es Traurigkeit. Es poltert aus dem Kind heraus, breitet sich im Raum aus und will angesehen werden. Es passt vielleicht nicht zur momentanen Stimmung der Mutter und auch nicht zu ihrer Sehnsucht nach Harmonie. Dennoch braucht es Gehör in der Familie.

„Ach, da bist du ja.“, könnten wir als Eltern zu diesem Gefühl sagen.

Wir könnten dem Gefühl aufmerksam begegnen, ohne es zu strafen oder voreilig zu bewerten. Wir könnten es ansehen mit genug Offenheit und es mit dem Kind tragen, ihm helfen, aufbrausende Emotionen in die richtige Bahn zu lenken, einen Anker zu finden, um sich zu beruhigen.

Natürlich ist ein wütendes Kind mitunter sehr anstrengend. Ein trauriges Kind macht uns manchmal hilflos. Doch wenn wir einen kleinen Schritt zurücktreten von unserer eigenen Bewertung der Situation, bei dem Kind bleiben und es in seiner Selbstwahrnehmung unterstützen, kann es sich auf den Weg machen, um zu lernen, mit seinen Gefühlen umzugehen. Es lernt, sich selbst zu regulieren. Das gelingt aber nur, wenn wir dem Kind genug Urvertrauen mitgeben, wenn wir ihm sagen, dass es – trotz allem Trotz – so gut ist, wie es ist.

Aber was passiert, wenn wir dem Kind diese sicherheit vorenthalten?

In der griechischen Mythologie gibt es die Sage um Prometheus, der für sein aufrührerisches Verhalten vom Göttervater Zeus bestraft wird. Er schickt einen Adler, der Tag für Tag Prometheus Leber frisst, die sich stets erneuert. Es ist ein nie endendes, sehr schmerzhaftes Unterfangen, das nicht allein auf den Körper abzielt.

Denn lange Zeit galt die Leber als Sitz der Seele.

Was sagt das über die Beziehung zwischen Prometheus und dem Göttervater aus? Jedes Ungehorsam wird so schmerzlich bestraft, dass die Seele zu verschwinden droht. Die Auflösung des Seins. Prometheus, der Titan, darf nicht sein, wenn er nicht das tut, was Zeus verlangt. Die elterliche Liebe wird entzogen. Für das Kind fühlt es sich so an, als würde es sich selbst auflösen. Tagtäglich ergreift der mächtige Adler nach der Seele und verschlingt sie.

Das ist dein Gefühl

Selbst wenn extreme Gefühlsausbrüche sich manchmal belastend anfühlen, dürfen sie nicht an den Wert der Beziehung gekoppelt sein. Eine stabile Eltern-Kind-Bindung trägt diese Gefühle. Und vor allem gibt sie dem Kind einen sicheren Raum, diese Empfindungen in sich selbst zu begreifen. Nur so wird das Kind in seiner Selbstliebe gestärkt. Leiden die Elternteile selbst unter mangelnder Selbstliebe, droht dem Kind zudem die Gefahr für deren narzisstische Zufuhr missbraucht zu werden. Abhängigkeiten entstehen, die bis ins Erwachsenenalter nachwirken. Die Bindung ist dann an die Hörigkeit des Kindes gekoppelt, worunter letztlich alle Beteiligten leiden.

Ich bin ich und du bist du

Wenn das Kind stets das Gefühl hat, sich auf dünnem Eis zu bewegen, um bloß nicht, die elterliche Zuneigung zu verlieren. Wenn Unpässlichkeiten oder Zeitmangel als Ausrede dienen, um Gespräche zu vermeiden, denen Konfliktpotential innewohnt. Was macht das mit einem Kind? Es fühlt sich nicht sicher. Es glaubt, es darf nicht, es selbst sein, um die elterliche Liebe nicht zu verlieren. Es glaubt, es muss sich anpassen, sich verfremden, um die Zuwendung nicht zu verlieren. Das funktioniert natürlich nicht dauerhaft. Manchmal wird es trotzdem ausgelacht, wenn es Emotionen, wie Wut zeigt. Im schlimmsten Fall wird es ignoriert. Gerade das macht es dem Kind schwer, sich abzulösen.

SEinen WEg finden

Aber diese Ablösung ist im Heranwachsen wichtig, um an Authentizität zu gewinnen. Die Selbsterfahrung schwächt die Eltern-Kind-Bindung nicht, wenn die Eltern das Kind ermutigen, seinen Weg zu gehen. Mutter-zu-werden, Vater-zu-sein das nimmt den Eltern niemand mehr. Aber im Sinne des Kindes ist es wichtig, die eigenen Erwartungen dem Kind nicht als Stolpersteine in den Weg zu legen. Das Kind darf im Heranwachsen, muss aber spätestens im Erwachsenenalter auf Augenhöhe erlebt werden, damit die Bindung in einer liebevollen und respektablen Form bestehen bleibt.

Um noch einmal auf  Prometheus zurückzukommen: in dem jungen Titanen wohnt so viel Selbsterhaltungstrieb, so viel Kraft, dass es ihm möglich ist, sich nach den Angriffen des Adlers stets selbst zu erneuern. Seine Seele gibt nicht auf. Bis er eines Tages aus dem Kreis des Leidens erlöst wird. Zeus verzeiht ihm. Prometheus wird um seiner selbst angenommen. Endlich ist er frei.

Achtsame begegnungen

Wir sind keine Titanen. Wir haben keine unendlichen Kräfte. Darum es ist so bedeutsam, dass wir auf unsere Kinder achten und ihren Gefühlen achtsam begegnen. Kinder dürfen ihre Gefühle leben, um sich selbst besser zu verstehen und um zu lernen, nicht nur einen guten Umgang mit ihren Emotionen zu finden, sondern auch eine der wichtigsten und liebevollsten Erfahrungen überhaupt im Leben zu machen: dass sie so wie sie sind genau richtig sind. 

8 Replies to “Die Sage von Prometheus – Oder warum Kinder ein Recht auf ihre Gefühle haben

  1. Die Titanen waren das Vorgängergeschlecht der olympischen Götter und werden von Zeus gestürzt, der selbst das Kind der Titanen Kronos und Rhea ist. Prometheus ist also weniger als Kind des Zeus, sondern eher als eine Art “Onkel” des Zeus zu betrachten.

    Wir haben hier also den Fall vorliegen, dass die Kindergeneration die Elterngeneration terrorisiert, nicht umgekehrt 😉

    Aber abgesehen davon stimme ich natürlich der Aussage Deines Beitrages zu 😉

    1. Lieber Michael,
      vielen Dank für dein Wissen zum mythologischen Hintergrund. Für mich steht Zeus in diesem Beispiel einfach als Vaterfigur im Olymp. Es heißt ja auch, ihm seien in der Zeit seiner Herrschaft alle Wesen unterworfen, auch die Titanen. Nichtsdestotrotz gab es ja allerhand Zündstoff für Familienkonflikte in der griechischen Sagenwelt, egal in welcher Konstellation. 😉
      Viele liebe Grüße
      Katja

      1. Du hast im Prinzip genau das getan, was die alten Griechen mit ihren Mythen taten: Sie nutzten sie, um die Welt zu erklären. Insofern ist das völlig legitim, was Du machst, zumal es ja auch nicht untypisch für den Mythos ist, je nach Bedarf ein bisschen angepasst zu werden. Und da ich mich auf meinem Blog ja ausschließlich mit der Antike und dem Mythos beschäftige, finde ich es natürlich auch toll, dass Du darauf zurückgreifst, um Dinge zu erklären.

        Ich fand’ es aber halt extrem lustig, weil es – wenn man den Mythos in der gängigen Form verwendet – ein schönes Bild für all die Eltern ist, die unter der Herrschaft ihrer Kinder leben (wobei ich mich selbst da jetzt gar nicht ausschließen möchte).

        😉

        1. Na ja, es heißt ja auch “die Welt gehört in Kinderhände”! Deinen Blog werde ich gern besuchen. In den Mythen wie auch in den Märchen steckt unglaublich viel Psychologie und Philosophie. Das fasziniert mich sehr.

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