Seelenkinder von Sereina Heim (Rezension)

Zeigt ein Kind ein problematisches Verhalten, steckt oft mehr dahinter als man denkt und es lohnt sich, die Familiengeschichte zu betrachten. Ungeborene Kinder, die durch Fehlgeburt oder Abtreibung gestorben sind, möchten ihren Platz in der Familie haben. Die Verdrängung führt sonst zur Auslösung familiärer Konflikte, von denen vor allem die lebenden Geschwister betroffen sind. Hyperaktivität, Schlafschwierigkeiten, Bettnässen, Gewichtsprobleme und Heuschnupfen können die Folge sein. Doch wie geht man überhaupt um mit den Seelenkindern in der Familie und entwickelt ein Verständnis für ihre Bedeutung in der Familienhierachie? Die Therapeutin Sereina Heim hat sich diesem Thema auf sehr einfühlsame Weise angenommen.

Endlich Wahrgenommen Werden

Seelenkinder nennt Sereina Heim jene Kinder, die nur “eine kurze Weile ins Erdenleben eingetaucht” sind. Es sind die Kinder, die nur wenige Tage oder Wochen im Bauch der Mutter wuchsen, ehe sie gestorben sind. Es sind Kinder, mit denen die Familie seelisch verbunden bleibt, auch wenn sie physisch nicht greifbar sind. Dennoch müssen sie gesehen werden, damit alle ihren Platz in der Familie ausfüllen können.

FAmilie als System

Für ihre Ausführungen bedient sich die Autorin der therapeutischen Ansätze von Bert Hellinger. Die Familie wird als System verstanden. Mitglieder agieren nicht unabhängig, sondern beeinflussen sich gegenseitig und sind Teil eines energetischen Gefüges, dem sie sich anschließen sobald sie gezeugt werden. Sie bleiben auch miteinander verbunden, wenn sie gestorben sind.

Die verlorenen Kinder

Doch was kann passieren, wenn die Eltern ihre frühzeitig gestorbenen Kinder verleugnen, ihre Existenz verschweigen, sie aus lauter Schmerz verdrängen? Manchmal geschieht der Verlust auch kaum spürbar. Die frühe Schwangerschaft endet mit einem kleinen Blutstropfen. Dennoch ist da plötzlich eine Seele da, die zur Familie gehört. Wie wirkt sich das Verschweigen auf das Dasein des Kindes aus, welches bei den Eltern aufwächst? Die Kinder spüren meist, die Existenz weiterer Geschwister.

Sereina Heim spricht vom langen Leidensweg mancher Kinder und ihren Problemen, die sich trotz pädagogischer Maßnahmen und liebevoller, elterlicher Unterstützung nicht auflösen lassen. Schuld daran, so die Autorin, ist das Ungleichgewicht in der Familie. Beispielsweise starb das erste Kind während der Schwangerschaft. Dennoch wird das zweitgeborene überlebende Kind in die Rolle des Erstgeborenen gedrängt. Das Kind übernimmt so mehr Verantwortung als es tragen kann. Im anderen Beispiel verliert ein Zwilling schon früh sein Geschwisterchen. Die Sehnsucht nach einer symbiotischen Verbindung bleibt ein Leben lang bestehen, ebenso wie die Angst vor Verlusten.

Den Platz in der Familie finden

Sereina Heim wagt sich mit “Seelenkinder” an ein Schwergewichts-Thema und liefert ein höchst spannendes, einfühlsames Buch, das Familien unterstützen möchte, offen mit dem Verlust eines zu früh verstorbenen Kindes umzugehen, es anzunehmen und es den lebenden Geschwistern zu erleichtern, ihr eigenes Leben zu führen und nicht das des verstorbenen Bruders oder der verstorbenen Schwester. Denn oft entsteht hier eine tiefe Beziehung, die sich zwar durch tiefes Mitgefühl auszeichnet, es den Kindern aber nicht erlaubt, ihren ureigenen Platz zu finden.

Mit ausgewählten Übungen gibt Sereina Heim Hilfestellung, u.a. zur Abgrenzung untereinander, aber auch zur Stärkung des lebenden Geschwisterkindes. Die Autorin schafft mit viel Empathie Verständnis für die Thematik und ermutigt dazu, die Kinder nicht totzuschweigen, sondern sie in die Familienhierarchie zu integrieren.

(Selbst-)Annahme und Verständnis

Meine anfängliche Skepsis, die jedoch mit einer riesigen Portion Neugier einherging, da ich schon einiges über dieses Thema gehört hatte, wandelte sich beim Lesen in Faszination und vor allem in Verständnis für die eigenen Belange in der Familiengeschichte.  Gerade die Ausführungen über den verlorenen Zwilling empfand ich persönlich als treffend. Obwohl für mich selbst noch die ein oder andere Frage offen bleibt, kann ich “Seelenkinder” nicht nur jeder Familie ans Herz legen, die ein Baby zu früh verloren hat, sondern auch erwachsenen, überlebenden Geschwistern, die im Rückblick auf ihren Lebensweg, klaffende Lücken in der Kindheitsgeschichte erspüren und diese nicht zu benennen wissen.

Informationen zum Buch:

Seelenkinder und wie sie in ihrer Familie wirken
Sereina Heim
Kösel Verlag

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