Mit Ängsten umgehen – Der Säbelzahntiger im Kopf

Das Empfinden von Angst schützt uns seit jeher vor Gefahren. Allerlei körperliche Reaktionen folgen dem Gefühl der Bedrohung. Bei den meisten klopft das Herz schneller, andere fangen an zu schwitzen und zu zittern oder reagieren mit Übelkeit. Der Mund wird trocken. Die Brust schmerzt. Es sind die natürlichen Symptome mit denen der Körper antwortet, um mehr Energie für Flucht aus dem Gefahrenszenario oder für den vermeintlichen Kampf bereit zu stellen. Der beschleunigte Herzschlag regt die Durchblutung der Muskulatur an. Das Zittern dient der Anspannung der Skelettmuskulatur und bereitet auf die körperlich Aktivität vor. Uns wird übel, weil die Verdauungsfunktion gehemmt wird, denn die Energie wird an anderer Stelle gebraucht. Das alles sind ganz normale Reaktionen des Körpers – seit Urzeiten, als wir einzig mit Fellen bekleidet und mit Knüppeln bewaffnet durch Wälder und Steppen zogen.


Der Säbelzahntiger ist tot. Es lebe der Säbelzahntiger.

Nun ist es so, dass wir uns längst nicht mehr davor fürchten müssen, dem fauchenden, hungrigen Säbelzahntiger auf der Straße zu begegnen und uns überlegen müssen, ob wir mit der Keule gegen ihn kämpfen oder lieber weglaufen wollen. Die Gefahren der Neuzeit sind mitunter perfider.

Druck von außen oder gegen sich selbst. Erwartungshaltungen anderer oder das eigene Streben nach Perfektionismus. Unendlich viele Möglichkeiten und doch keine Alternativen. Der Wunsch nach Anerkennung und fehlende Selbstliebe. Informationsfluten. Mediale Maßstäbe. Maßstäbe allgemein. Fehlendes Urvertrauen.

Der Säbelzahntiger sitzt inzwischen in unseren Köpfen. Wir brüllen uns selbst an, Kraft unserer Gedanken. “Du sollst. Du musst! Du schaffst das nicht. Das schaffst du nie!” Wir zermürben uns und treiben uns immer weiter an. Dann ist sie plötzlich da, die Angst. Entstanden aus der Erschöpfung heraus, nicht in die Rolle zu passen, die wir so sehnsuchtsvoll ausfüllen wollten. Oder doch zu passen, aber sich dabei nicht gut zu fühlen, weil es eben doch nicht reicht. Weil der Maßstab inzwischen noch weiter oben hängt.

Dabei sind wir längst über unsere Grenzen hinaus gegangen.

Kleinen Kindern bringen wir bei, wenn sie geärgert oder bedroht werden, die Hand energisch auszustrecken und laut “Stopp!” zu rufen. Warum tun wir das nicht, wenn wieder einmal diese verflixten Gedanken auftauchen, diese Säbelzahntigergedanken, mit denen wir uns selbst zerfleischen. Ein “Stopp” gegen ein “Du musst!”. Und vielleicht auch öfter mal ein lautes “Gut genug” gegen ein “Das schaffst du nie”.

Seine eigene Begrenzung anzuerkennen, heißt nicht, weniger liebenswert zu sein. Es heißt nicht, weniger wert zu sein.

Der Säbelzahntiger fiel am Ende der Eiszeit der Klimaveränderung zum Opfer. Eventuell hat er auch einfach nichts mehr zu Beißen zwischen seine gewaltigen Zähne bekommen. Was würde es bedeuten, wenn wir das Klima in unseren Köpfen verändern, wenn wir dem Säbelzahntiger einfach mal das Futter verweigern würden?

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