Kranichland von Anja Baumheier (Rezension)

Theresa Matusiak fällt aus allen Wolken. Ihre Schwester Marlene ist vor einer Woche gestorben und hinterlässt ihr nun ein Haus in Rostock. Dabei ist Marlene schon seit mehr als 40 Jahren tot. Oder ertrank sie etwa doch nicht in der Ostsee bei jenem Bootsunfall, über den die Eltern niemals richtig sprechen wollten? Theresa begibt sich gemeinsam mit ihrer schwangeren Tochter Anna auf eine Spurensuche, die sie weit in die Vergangenheit zurückführt.

kranichland

Nach einer trostlosen Kindheit, die mit dem Selbstmord der Mutter endet, flieht Johannes aus Schlesien und findet nach Ende des Zweiten Weltkrieges ein neues Zuhause in Rostock. Hier lässt die Autorin Anja Baumheier die Geschichte der Familie Groen beginnen und führt uns mit ihrem Debüt “Kranichland” durch einen turbulenten Zeitabschnitt vom Nachkriegsdeutschland bis hin in die Gegenwart. Aus Johannes Groen, dem der Kommunismus als Rettungsanker erscheint, nachdem er im charismatischen Kolja endlich die langersehnte Vaterfigur findet, wird Wanjuscha. Hochmotiviert hilft er bei der Errichtung eines neuen Staates und verfängt sich zusehends in den Netzen von Partei und Stasi.

Sein Herz verschenkt Johannes an die Krankenschwester Elisabeth, die ihm während der ersten Verabredung beim Beobachten der Zugvögel beteuert, dass die aus dem Süden zurückkehrenden Kraniche Glück bringen würden. Und so scheint es in den frühen Jahren der Familiengründung auch zu sein: Elisabeth und Johannes heiraten, die Tochter Charlotte wird geboren, Johannes erhält eine Beförderung und die Groens lassen sich in der Hauptstadt nieder. Während Johannes beim Aufbau des Sozialismus an vorderster Front steht, vereinsamt Elisabeth allerdings zusehends. Bei der Arbeit in der Charité lernt sie überraschend jemanden kennen, der ihre Sehnsucht nach Zärtlichkeit stillt. Die zweite Tochter Marlene kommt bald zur Welt, welche so ganz anderes sein wird, als die linientreue Erstgeborene und die als Teenager eine verboten Liebe leben und Freiheit atmen möchte – etwas, für das sie bitterlich bezahlen muss.

Anja Baumheier springt in “Kranichland” zwischen den Jahren und einem geteilten Land hin und her. Sie erzählt von Mauern in Herzen wie in Köpfen, vom Hunger nach Liebe und dem Wunsch, man selbst sein zu dürfen. Und sie berichtet von Fluchten, die nicht frei machen und ein zerstörerisches Gedankenkarussell in Gang setzen, das nicht mehr enden will.

Schonungslos schreibt die Autorin über die Inhaftierung zu DDR-Zeiten und lässt uns grausige Schatten erahnen, denen wir lieber nicht hinterherjagen möchten. Zu dünnhäutig fühlt man sich dabei – gerade als Mutter. Wenn uns die Autorin mit in den DDR-Knast der 70er Jahre nimmt, dann mit so viel Authentizität, dass uns ihre Worte klaustrophobisch umklammern.

Die Fragen nach der eigenen Identität und Integrität werden in “Kranichland” ebenso thematisiert wie die Stolpersteine des Anderssein. Mit ihren Zeitsprüngen webt Anja Baumheier Stück um Stück einen Flickenteppich aus Geheimnissen und verdeutlicht einmal mehr die tiefe Zerrissenheit innerhalb eines vergangenen Landes und deren Menschen.

Mit ihrem Debüt wird Anja Baumheier vermutlich polarisieren. “Kranichland” ist ein Roman über den man man diskutieren sollte, nicht nur, um sich rückblickend ein Bild von der DDR zu machen, sondern um sich auch mit der Frage auseinanderzusetzen, wie viel Schuld eine Familie aushält, ehe sie zerbricht und wie viel Liebe und Geduld es braucht, Bande neu zu sortieren und zu festigen.

Informationen zum Buch:

Kranichland
Anja Baumheier
Wunderlich

Erscheinungstermin 13.03.2018
432 Seiten
ISBN: 978-3-8052-0021-9
Preis: 19,95 Euro

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