#writingfriday: Erkläre einem Außerirdischen, was Liebe ist

Es ist wieder #WritingFriday bei Elizzy. Nachdem es sich in der letzten Woche um die eigene Kindheit drehte, widme ich mich heute dem schönsten aller Gefühle und versuche es, einem Außerirdischen zu erklären.
writingfriday
An einem Freitagvormittag klingelte es an der Wohnungstür. Ein bleiches Wesen mit runzliger Haut, kleinwüchsig mit langen Armen und großen, platten Füßen stand vor mir. Es war nackt bis auf den Helm, den es auf dem Kopf trug.
Vor Überraschung brachte ich keinen Ton heraus.
Das Wesen streckte mir seine schmalen Finger entgegen und drückte mir eine Art Pergament in die Hand. Dann watschelte der Fremdling an mir vorbei ins Wohnzimmer, wo er es sich in einem der Sessel bequem machte.
Die kleinen Kerle tobten aus ihrem Kinderzimmer und waren nicht minder verblüfft, als sie unseren Gast erblickten.
“Da?”, wollte Little J. wissen.
“Ist das ein Astronaut, Mama?” Big J. deutete auf den Helm, den das Wesen eben begann vom Kopf ziehen.

Ich sog scharf den Atem ein, als mich aus einem nicht minder runzligen Gesicht zwei große, klare Augen anblickten.
“E.T.!”
Das Wesen schüttelte den Kopf.
“Meister Yoda?”
Ich erntete ein erneutes Kopfschütteln. Unser Gast wies auf das Pergament, das ich noch immer zwischen den Fingern hielt. Umständlich faltete ich den Zettel auseinander. Worte einer fremden Sprache prangten mir entgegen. Darunter hatte jemand recht hölzern einige Buchstaben gekratzt.
“W-A-S-I-S-T-L-I-E-B-E. Was ist Liebe?”, wiederholte ich. “Du willst wissen, was Liebe ist?”
Das Wesen nickte sichtlich erfreut und blickte mich erwartungsvoll an.
“Nun…”, überlegte ich und suchte nach Worten, während ich ihm gegenüber Platz nahm. “Liebe. Ja, das ist so ein Gefühl, das entsteht, wenn man jemanden sehr gern mag.”
Das Wesen zuckte mit Schultern.
“Also, wenn man jemanden so sehr zugeneigt ist, dass man ihn beschützen möchte, ihm hilft, miteinander teilt…”
“Gummibärchen zum Beispiel!”, rief Big J. ein.
Die Jungs hatten sich schnell wieder gefasst und spielten inzwischen zu Füßen des Fremden mit ihren Autos. Sie brausten die Teppichkanten entlang, rasten durch einen Tischtunnel und die Sofalehnen hinauf. Ab und an warfen sie dem fremden Gast einen kurzen Blick zu, entschieden aber bald, dass ihr Autorennen die interessantere Beschäftigung war.
Das Wesen sah mich noch immer fragend an.
“Also Liebe ist auch, wenn man eine Verbindung eingeht, weil man sich so sehr zu jemandem hingezogen fühlt, dass man sein Leben mit ihm verbringen möchte.”
Ich deutete auf ein Hochzeitfoto von mir und meinem Mann und hoffte, dass der Fremde endlich verstehen würde, wenn er ein sich küssendes Brautpaar erblickte. Aber E.T., Meister Yoda oder wer immer er war, schüttelte erneut den Kopf. Ich verwies auf die Babyfotos der Kerle. Big. J., noch sehr klein, in Mamas Armen, selig lächelnd. Little J., neugeboren, fröhlich glucksend auf einer Babydecke liegend.
Für unseren Gast waren es nur Bilder von Menschen, die er kaum kannte, Bilder von Momenten, denen er nicht beigewohnt hatte. Die Fotos konnten nicht das Gefühl zu ihm transportieren, das in uns hoch sprudelte, wenn wir diese Erinnerungen betrachteten.
Ein wenig ratlos stand ich auf und hockte mich dem Fremden gegenüber. Ich nahm seine schmale Hand und legte sie über mein Herz. Meine Hand positionierte ich auf seiner Brust, in der wagen Vermutung, dass er ein eben solches Organ besaß. Das Wesen ließ es geschehen. Eine kindliche Erwartung, endlich eine Antwort zu erhalten, blickte mir aus seinen großen Augen entgegen.
“Man sagt, Liebe ist, wenn zwei Herzen zu einander finden.”
Der Fremde zuckte wieder mit den Schultern.
“Liebe ist, wenn zwei Herzen im gleichen Takt schlagen – metaphorisch versteht sich.”
Ein erneutes Zucken, dem ein kleiner Seufzer folgte. Ich bemerkte, wie sich eine Prise Hoffnungslosigkeit in seinen Blick stahl.
“Mein Herz schlägt nur für dich”, zitierte ich.
Kopfschütteln.
“Mein Herz gehört nur dir.”
Seine Augen wurden müde.
“Dein ist mein ganzes Herz…”, begann ich anzustimmen, als plötzlich ein markerschütternder Schrei durch die Stube gellte.
Little J. hatte sich beim rasanten Autofahren den Kopf am Tisch gestoßen. Ich eilte zu ihm. Ich packte mir den kleinen Kerl in die Arme. Ich tröstete ihn. Ich pustete sein Köpfchen. Seine kleinen Tränchen pflückte ich ihm von der Wange und drückte dergleichen einen dicken Kuss auf. Big J. schob dem Kleinen inzwischen sein liebstes Auto in die Hand und tätschelte ihm mitfühlend die Schulter.
Als Little J. sich beruhigte, sah ich mich nach unserem Gast um. Der Fremde saß nicht länger im Sessel und nicht länger stand die Erwartung in seinem Blick. Ein Erkennen hatte sich eingestohlen. Er deutete auf uns und zeigte dann auf jenes Pergament, das er mitgebracht hatte.
L-I-E-B-E.
Ich nickte. Das Wesen schenkte mir etwas, das einem Lächeln gleichkam, ehe es uns, den Helm unter den Arm geklemmt, verließ. Der Fremde hatte zu tun. Er musste eine kleine feine Botschaft im All verbreiten.
 
 

0 Replies to “#writingfriday: Erkläre einem Außerirdischen, was Liebe ist

  1. Ach, das ist eine tolle Geschichte, ich hab am Schluß ganz feuchte Augen bekommen, du hast mitten ins Herz getroffen.
    Ich schreibe grad auch einen Text zu diesem Thema, bin aber noch nicht fertig damit. Es ist eines der schweren Aufgaben, finde ich. Deine Idee, direkt zu zeigen, was Liebe ist, ist gut. Ich hab einen anderen Ansatz verfolgt und mich auf die Unterschiedlichkeit der Außerirdischen konzentriert. Bzw. werde ich mich konzentrieren.
    Für diesen #WritingFriday hab ich mich an die Aufgabe gewagt: Erkläre einem Kind aus den Tropen den Schnee.
    Liebe Grüße
    Daniela, der Buchvogel

  2. Welch wunderbare Geschichte, liebe Katja! Vor allem hat mir gefallen, dass eigentlich nur eines zählt: Liebe durch Handeln zu zeigen. Eigentlich wird sie nur dadurch wahrhaftig. Da sind noch so viele Worte und Fotos vergeblich. Habt ein wunderbares und “liebevolles” Wochenende! Charlotte

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