Bittersüß wie Pecannüsse von Kathy Hepinstall (Rezension)

Die charismatische Polly ist 58 Jahre alt, als sie ihre Tochter Willow zur Welt bringt. Die anderen beiden erwachsenen Kinder haben das Elternhaus bereits verlassen und so zieht die frisch verwitwete Polly ihr kleines Mädchen allein auf. Ihre Mutterpflichten erfüllt sie mit liebevoller Strenge, lautstarkem Fluchen und einer burlesken Gottergebenheit. Polly hängt an ihren Zigaretten, Margaritas und vor allem ihrem geliebten Pecannussbaum. Da greift sie schon mal zum Gewehr und schießt auf Eichhörnchen, wenn sie sich um die Nussernte betrogen fühlt. Willow hat es definitiv nicht einfach mit ihrer Mutter und dennoch durchdringt sie eine so starke Angst, Polly könnte ihr frühzeitig wegsterben, dass sie nachts am Bett der Mutter deren Atemzüge zählt.

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Hinzu kommt Willows ungesundes Interesse an der Vergangenheit ihrer Mutter. Je älter Willow wird, um so stärker erforscht sie das Leben ihrer Mutter vor deren Ehe und den Kindern. Polly selbst hält sich dabei sehr bedeckt und erst nach einer intensiven Recherche kommt Willow einem Geheimnis auf die Spur. Was passierte einst in Louisiana, dem Geburtsort ihrer Mutter, an den Polly nie wieder zurückkehren möchte? Und gab es wirklich eine leidenschaftliche Liebe zu einem anderen Mann, bevor dieser hinter Gittern verschwand? Als Polly die Krankheit bekommt, welche sie nur den Bären nennt, weiß Willow, dass es nun höchste Zeit ist, um ihre Mutter zurück in ihre Heimat zu bringen, damit sie sich endlich alten Gespenstern stellen kann.
Kathy Hepinstall besitzt das Talent gefühlvolle Geschichten zu erzählen ohne dabei sentimental zu werden. Ihre einprägsamen Figuren haben allerlei Ecken und Kanten, sind widersprüchlich und von einer rauen Schönheit wie das Leben selbst. “Bittersüß wie Pecannüsse” greift das Thema um eine späte Mutterschaft auf und zeigt, dass die Kinder von Spätgebärenden oft in einer übergroßen Furcht vor dem Verlust dieser Bindung leben. Dennoch besteht eine überaus intensive Beziehung zwischen Mutter und Kind. Willow versucht Polly im Angesichts des Sterbens nicht nur als Mutter zu sehen, sondern als Mensch zu begreifen, ausstaffiert mit vielen, manchmal unbegreiflichen, Facetten. Schicht um Schicht enthüllt sich auf einer Reise zurück in die alte Heimat Pollys Lebensgeschichte. Zurück bleibt eine eigensinnige und absolut liebenswerte Frau, die am Ende noch ein Wunder erleben darf.

Informationen zum Roman:

Bittersüß wie Pecannüsse
Kathy Hepinstall
Rowohlt Polaris
320 Seiten
ISBN: 978-3-499-29119-7
Preis: 14,99 Euro

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