Von Drachen und Lebenslüften

Jedes Jahr aufs Neue entlaubt der Wind die Bäume. Wir lassen Drachen steigen. Ein Spielzeug, das wir in den Himmel treiben wollen, immer höher und hoffen, dass der Wind zum Gefährten wird. Ein aufgeblähtes Mosaik aus buntem Stoff tanzt über unseren Köpfen. Die Leine reißt mir ein wenig die Finger und spannt mir den Arm.

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Ich fürchte dich nicht, lieber Wind. In dir spüre ich das Leben. Mit den Beinen stehe ich fest auf dem Boden und doch zieht dieses wilde Flatterding in meiner Hand mich ein Stück weit himmelwärts. Ich kann meinen Drachen nicht loslassen. Ich will diese Verbindung nicht trennen. Jetzt nicht.

Jeder Mensch kommt mit einer Leidenschaft, einer Bestimmung zur Welt. Jeder hat einen Antrieb im Gepäck, einen bunten Drachen, den er in die Lebenslüften steigen lassen möchte. Vielleicht sind es sonderbare Dinge, wie die Vorliebe für das Züchten von violettem Gemüse. Vielleicht sind das großartige Dinge, wie das Kämpfen für eine bessere Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf oder einen fairen Mindestlohn. Vielleicht sind es handwerkliche Dinge, wie das Schreinern eines Tisches oder kreative Dinge, wie das Malen von Bildern oder das Einrichten gemütlicher Räume. Vielleicht ist es das Sammeln von Gedichten, vielleicht ist es das Erkunden der Welt zu Fuß, vielleicht ist es das Fotografieren von Landschaften, vielleicht ist es das Verwandeln alter Dinge in neue.

Manchmal hören wir diese Stimme ganz deutlich. Bestenfalls folgen wir ihr. Doch viel zu oft, lassen wir sie verkümmern unter einem selbst aufgetürmten Berg von falschen Glaubensmustern und Erwartungen, Aufschieberritis und Sicherheitsdenken. Wir hängen Konventionen an und machen uns abhängig von der Meinung anderer. Eine Zeitlang mag das gutgehen, aber irgendwann antwortet unser Drache mit Krankheit, Angst oder Depression.

Wenn wir unseren Drachen unter dem Schutt vorziehen, mag er womöglich derangiert wirken. Doch sobald wir in den Staub abpusten und ihn in den Wind halten, wird er seiner Bestimmung folgen wollen. Er will mit dem Wind tanzen, weil er dann lebendig ist.

Keiner weiß, wie lange einem der Lebensatem geschenkt ist. Keiner weiß, wann dem Wind die Puste ausgehen wird. Wäre es nicht schön, wenigsten einmal im Leben, seinen Drachen steigen zu lassen und mit dem Wind zu tanzen?

 

6 Kommentare zu „Von Drachen und Lebenslüften

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