Kühler Oktobermorgen (Schubladentexte)

Ich habe gestern Abend in meinen alten Texten gestöbert und bin auf ein Relikt gestoßen, das ich vor knapp 20 Jahren geschrieben habe. Also hier, einfach mal so…

Kühler Oktobermorgen

Mona stand vor dem schweren – inzwischen so vertrauten – Eisentor, von dessen Gitterstäben der Anstrich schon längst abgeblättert war. Rostig. Abgenutzt.

Hinter ihr lag die dicht befahrene Hauptstraße, von der sich Straßenbahnklingeln, Hup- und Bremsgeräusche der Autos emporhoben. Morgendlicher Berufsverkehr. Ab und an Stimmen, die sich jedoch schnell im Straßenlärm verloren. Es erschien ihr unerträglich laut, ja fast monströs, wenn sie im Gegensatz dazu, die schier menschenleere Weite, die sich hinter dem Eisentor verbarg, betrachtete. Doch hier gab es unsäglich viele Menschen – im Verborgenen, aus ihrem Blickwinkel nicht sichtbar – wie auch ihren Großvater, den sie besuchen wollte. Und alles wirkte wie die Kulisse einer Märchenwelt – mit gutem und mit bösem Zauber. Hypnotisch, geheimnisvoll, abgründig.

Das Quietschen der Angeln ließ Mona für einen Moment aus ihren Gedanken hochschrecken, als sie sich mit der Klinke in der Hand wieder fand, das Tor Zentimeter für Zentimeter aufstoßend. Sie betrat dieses Reich, das so ganz abgegrenzt von der täglichen Routine lag und lief langsam den Kieselweg entlang, wobei die kleinen milchigen Steine unter ihren Füßen leise knirschten. Mit jedem Schritt umfing sie mehr und mehr die Ruhe, welche von diesem Ort ausging. Gespräche fanden hier eher selten statt und meist waren es die Alten, die besucht wurden.

An den wenigen Bäumen, die den Weg säumten, hingen vereinzelt Blätter. Schon ganz braun und leblos. Bald würde der Wind sie den Ästen entreißen und zu Boden wirbeln, wo sie die Gärtner später zusammen harken und fortbringen würden. Der Herbst hatte es dieses Jahr eilig.

Mona sog die kühle Luft in sich ein, verlangsamte ihren Schritt und hielt dann vor ihrem Großvater an.

Der erwiderte ihre Begrüßung nicht. Er blieb still.

Die Nelken, die Mona eben von einem Blumenladen für ihn gekauft hatte, behielt sie in der Hand und setzte sich zu ihm auf das feuchte Gras.

„Tut mir leid, dass ich solange nicht mehr hier war“, erklärte sie ihm schuldbewusst. „Es gab in letzter Zeit soviel zu tun, weißt du.“

Großvater schwieg, was Mona nicht davon abbrachte weiter zu sprechen. „Mit dem Studium läuft es ganz gut, ab und zu etwas stressig…“ Sie hielt kurz inne, bevor sie im Flüsterton weitersprach: „Ich habe vor einigen Tagen Tante Erika besucht. Sie hat deine Bücher weggegeben. Einfach so. Sie hat nicht mich gefragt, ob ich sie gebrauchen könnte. Sie hat sie einfach so…“ Monas Flüstern trug der Wind fort.

Großvater zeigte keinerlei Regung. Wie hätte er reagiert, wenn er noch könnte? Wäre er wütend geworden oder wäre er gefasst geblieben?

Mona betrachtete ihre Hände, die immer noch die Nelken hielten. Da fehlte etwas an ihren Fingern. Der schlichte Silberring, den sie sonst trug, war nicht mehr an seinem Platz. Großvater bemerkte es nicht.

„Stefan und ich haben uns getrennt. Er fand, dass er mehr Zeit für sich bräuchte, dass ihm unsere Beziehung all die früheren Freiräume entzogen hätte. Das habe ich sogar verstanden. Irgendwie. Ich habe ihn gehen lassen, in der Hoffnung, er würde wieder zu sich selbst finden, um dann ganz mit mir neu anzufangen.“ Mona kam ins Stocken, „Aber für ihn sieht Selbstfindung so aus, dass er sich nun ständig neuen Frauen widmet. Dies waren wohl die Freiräume, die ihm unsere Beziehung entzog.“

Ein Blatt verfing sich in Monas Haar. Sie entwirrte es und ließ es zu Boden gleiten. Die Gärtner würden später kommen.

„Das Leben hat sich so verändert, Großvater. Die Zeit rennt mir davon und ich weiß nicht wohin.“

Großvater bedachte Mona nicht mit Worten. Er tat nur das, was er in den letzten Jahren auch getan hatte. Er blieb still.

Mona brauchte nichts zu sagen, brauchte nichts von ihren Sorgen oder Problemen zu erzählen. Großvater hörte nicht zu. Großvater antwortete nicht. Und trotzdem kam Mona aller paar Wochen her, um wenigsten noch einen kleinen Teil seiner Gegenwart zu spüren.

Mona starrte auf den Rasen. Gab es noch etwas zu berichten, etwas Wichtiges? Nichts fiel ihr ein und so überließ sie sich dem Schweigen – für ein paar Minuten, eine Viertelstunde, eine halbe… Schweigen.

Der kühle Oktoberwind ließ sie frösteln. Arme und Beine waren schon ganz taub, da sie sich, seit sie bei ihrem Großvater saß, kaum bewegt hatte. Sonst fühlte sie nichts. Wie eine Statue, völlig steif. Allein das Atmen und die Lidbewegungen zeugten von Leben. Doch gerade diese Regungslosigkeit, verband sie mehr denn je mit ihrem Großvater. Regungslosigkeit und Schweigen.

„Großvater, ich muss jetzt wieder gehen.“ Mona stand auf und legte nun endlich die Nelken auf das Stück Rasen, welches Großvaters Urne barg. …und ging, ging wieder hinaus durch das Friedhofstor zu der dicht befahrene Hauptstraße, hinaus zu den Lebenden.

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