Der Frauenchor von Chilbury – Jennifer Ryan (Rezension)

Der Zweite Weltkrieg nimmt den Frauen ihre Männer, den Müttern ihre Söhne und auch dem Chor von Chilbury stiehlt er die männlichen Stimmen. Der Gemeindepfarrer ist tief enttäuscht von dem, was übrig bleibt und nach einem letzten dünnen Holy, Holy, Holy beschließt er, den Chor aufzulösen. Die Frauen reagieren betroffen. Was gibt ihnen jetzt noch Halt, wenn nicht das gemeinschaftliche Singen? Da taucht Hoffnung in Gestalt der Musikprofessorin Miss Primrose Trent auf, deren unkonventionelle Ideen nicht nur für einigen Wirbel sorgen, sondern auch den Zusammenhalt stärken.

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Der Frauenchor von Chilbury erzählt die Geschichte aus Sicht verschiedener Frauen und Mädchen mittels Tagebucheinträgen und Briefen in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die hochschwangere Mrs. Winthrop hat gerade ihren ältesten Sohn verloren. Nun erhofft sich Mr. Winthrop wieder einen Sohn, denn mit seinen beiden Töchtern kann er nichts anfangen. Zur Not will er dem Ganzen ein wenig nachhelfen. Bloß gut, dass die verschuldete Hebamme Edwina Paltry keine Skrupel kennt, sich bestechen zu lassen und im Fall der Fälle Kinder zu vertauschen.

Derweil verzehrt sich die wunderschöne Venetia, die Älteste der Winthrop-Töchter nach einem geheimnisvollen Maler, der sie immer wieder zurückweist und Kitty, die Jüngste, grübelt viel in diesen schwierigen Zeiten. Nicht der Krieg macht ihr zu schaffen, sondern die Pubertät. Endlich will sie aus dem Schatten ihrer Schwester treten. Dann ist da noch die zarte Mrs. Tilling, die ihren Sohn schmerzlich vermisst. Die Neugründung des Chors durch die resolute Primrose Trent hilft den Frauen nicht nur ihre Singstimme im Chor zu finden, sondern auch ihre eigene Stimme und sich zu trauen, laut auszusprechen, was sie bewegt.

Vielleicht hat man uns Frauen so lange weisgemacht, wir könnten allein nichts schaffen, dass wir es mittlerweile selbst glauben. Außerdem ist die natürliche Ordnung vorübergehend außer Kraft gesetzt, weil die Männer weg sind.“

Es ist ein großartiger Roman, prall gefüllt mit allen Regenbogenfarben weiblichen Fühlens und auch der dunklem Gram, die aus unerfüllten Sehnsüchten und schmerzlichen Abschieden geboren wird. Die Frauen abwechselnd zu Wort kommen zu lassen, macht dieses Buch genauso stimmenreich wie den Chor von Chilbury.

Doch bei dem Gedanken, dass Singen nicht verboten werden kann, huschte mir ein zaghaftes Lächeln übers Gesicht, und ich erhob die Stimme gegen den Krieg. Im Kampf um mein Recht, gehört zu werden.“

Jede der Frauen muss in diesen bitteren Tagen einiges ertragen. Es sind nicht nur die Bombenangriffe der Deutschen, die Chilbury erschüttern. Aus dem persönlichen Leid erwächst durch den Zusammenhalt eine Kraft, die den Chor trägt und die Frauen mutig macht, authentisch zu leben und gegen diejenigen aufzubegehren, die sie brechen wollen. Die Wandlungen der Charaktere war tiefgreifend und immer galt das Bestreben, den guten weisen Kern in sich zu entdecken und zu leben.

Die Autorin Jennifer Ryan ist ein großartiges Erzähltalent, von dem man sich noch mehr solcher überaus kraftvollen und lebensklugen Bücher wünscht. „Der Frauenchor von Chilbury“ reiht sich definitiv in die Riege meiner Lieblingsbücher ein.

Informationen zum Buch:

Der Frauenchor von Chilbury
Jennifer Ryan
Kiepenheuer&Witsch

480 Seiten, gebunden mit SU
ISBN: 978-3-462-04884-1
Preis: 19,99 Euro

2 Gedanken zu “Der Frauenchor von Chilbury – Jennifer Ryan (Rezension)

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