Der Trost von Apfelkuchen

Das kleine Kind hat Fieber. Es will nicht essen. Es will nicht spielen. Es will nicht schlafen. Die Wadenwickelei strengt das Kind an und gegen das Zäpfchen in den Po protestiert es lautstark, rotwangig und tränennass. Ich flüstere Worte, streichle die Stirn, küsse die Wange, trockne die Tränchen und blättere die Bilderbücher, Seite um Seite, erzähle Geschichten von einer kleinen Hexe, Tieren auf dem Bauernhof, einem Jungen, der gern Fußball spielt und einer Zugfahrt zur Oma.

Das kleine Kind schläft, weniger rotwangig und mit viel mehr Frieden im Gesicht. Ich schleiche mich davon. In der Küche koche ich mir einen Tee und starre vorwurfsvoll den Ahornbaum vor meinem Fenster an, dessen Blätter sich immer noch nicht gelb färben wollen. Dabei haben wir schon Mitte Oktober.

Ich kann mit Krankheiten nicht gut umgehen. Es reißt und zerrt an meinen Nerven, wenn die Kinder krank sind. Immer ist die Angst da, dass ich nicht helfen kann, dass nichts genug ist, was ich zu geben vermag, dass ich nicht reiche als Mutter.

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Bildquelle: unsplash (Danke an Andy Chilton)

Ich stelle einen Topf auf den Herd. Während ein halbes Stück Butter schmilzt, mische ich Mehl mit Backpulver. Ich füge Zucker und eine Prise Salz hinzu, dann ein paar Eier und die Butter, die schon leicht braun ist und in kleinen Blasen blubbert.

Ehe ich die Äpfel wasche, schaue ich nach dem Kind. Es hat sich zur Seite gedreht, im Arm hält es seinen kleinen Pinguin. Der Atem geht ruhig, ein leises Windflüstern. Mit Federfingern betaste ich Stirn und Nacken. Erleichterung sackt in meine hohle Magengrube.

In der Küche pudere die Apfelstücke großzügig mit Zimt. Schnell saugen die saftigen Schnitze das Gewürz auf und ich atme diese Duftmischung aus Spätsommer und einer Ahnung von Weihnachten. Ich stehe genau dazwischen, mittendrin. Mittendrin im Leben zwischen Mädchen und hoffentlich mal (mehr oder weniger) weiser Frau. Mittendrin zwischen Verantwortung und Sehnsucht nach Leichtigkeit. Beides geht, das weiß ich. Es ist möglich. Dafür müsste ich nur anfangen, das viele Sorgen sein zu lassen.

Ich schiebe den Kuchen in den Ofen, träume vor mich hin, während die Zuckerkruste auf dem Teig braun wird. Schön aufgegangen ist er ja. Apfelkuchenduft erobert meine Küche und mich erobert ein Wohlgefühl. Vielleicht ist es ein Stück Vertrauen in mich selbst oder in die Schöpfung. Ich atme Kuchenduft, der mich von innen wärmt. Ich will nicht aufhören zu glauben, dass obendrüber einer ist, der es gut mit uns meint.

An meinem Ahornbaum entdecke ich das erste gelbe Blatt, dann noch eins und noch eins. Nun legt mein Baum doch sein Herbstkleid an, bevor er es ganz abwerfen wird. Die Natur kreist und hinterlässt Spuren.

Ich höre ein Geräusch, ein Kissenknistern und Deckenrascheln. „Mama!“ Das kleine Kind ist aufgewacht. Es lacht mich an. Ich lache zurück. Dann essen wir Apfelkuchen.

 

12 Gedanken zu “Der Trost von Apfelkuchen

  1. …….wie schön sich dieses Tagesereignis in Worten liest …
    erinnert mich an meine Kindheit – als Mutter an meinem Bett stand und mir Wadenwickel anlegte um das Fieber zu senken …
    mhhhhhhh …..und der Duft vom Apfelkuchen mit Zimt und Zucker …- angenehme Düfte regen unsere Sinne an – und somit auch die Gesundung
    sonnige Herbstgrüße aus Polen – die zuzaly

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  2. Ich finde es sehr schwer loszulassen, wenn es sich um Kinder handelt. Die müssen ja beschützt werden, auch oft vor sich selber … 😉 … und bei Krankheit und Fieber ist man manchmal hilflos, das ist nicht auszuhalten.
    Den goldenen Mittelweg zwischen Hubschraubermutter und Sorglosigkeit zu finden, stelle ich mir schwer vor.
    Wenn wir die Söhne meines Mannes mit im Urlaub hatten, war ich auch immer sehr besorgt. Zwei Jungs zusammen kommen ja auch manchmal auf die (beliebiges Adjektiv im Superlativ einsetzen) Ideen. Man kann das gar nicht immer voraussehen, so viel Fantasie hat man als Erwachsener überhaupt nicht. 😀 😀

    Ich glaube du bist eine ganz wunderbare und liebevolle Mutter!

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  3. Liebe Katja, ich kann nur zu gut nachempfinden, was du und der kleine Zauberschatz da durchmachen. Ich bin sicher, dass da jemand ist, der es gut mit euch meint! Wenn der Apfelkuchen bereits wieder geschmeckt hat, seid ihr auf dem guten Weg der Heilung. 🙏🏼
    Du bist eine wundervolle Mama! So jemand wie dich braucht die Welt, und ich würde jedem Kind solch warme und innige Mutterliebe wünschen. Leider dürfen das viele von meinen kleinen Patienten nicht in dieser Form erfahren.

    Ich fühle mit euch, ich bin auch jedes selbst mit mehr als krank, wenn meine Kinder es sind. Umso größer ist die Erleichterung und Dankbarkeit, wenn es ausgestanden ist.
    Diesen Moment wünsche ich euch ganz bald, damit das kleine Herz und das Mutterherz wieder lächeln und aufatmen kann. Alles alles Gute und liebste Grüße von Doreen.

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      1. Ich möchte dir den Mut nicht nehmen, aber es wird nicht besser.
        Du lernst jedoch mit jedem Mal Vertrauen und Gelassenheit zu wahren, dass auch dieses momentane Leid vorüber gehen wird. Deine Jungs sind sonst stark und gesund, daraus kannst du Kraft schöpfen. Es ist nicht von Dauer.
        Ich drück dich.

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