Dieser Schmerz ist nicht meiner – Mark Wolynn (Rezension)

Eine ungewöhnliche Theorie vertritt Mark Wolynn mit seiner These, dass manch seelischer Schmerz, den wir empfinden, gar nicht durch eigene Erfahrungen ausgelöst wurde, sondern mit dem Erbe unserer Vorfahren verwurzelt ist. „Dieser Schmerz ist nicht meiner“ will helfen, zum eigenen Familientraumata vorzudringen und es zu heilen.

Dieser Schmerz ist nicht meiner von Mark Wolynn

Der Autor, der im Alter von 34 Jahren fast vollständig erblindet, begibt sich auf einen langen Weg, um Heilung zu finden. Die Reise führt ihn ans andere Ende der Welt. Dort raten ihm weise Lehrer, sich endlich mit seiner Mutter auszusöhnen. Nach anfänglichem Sträuben folgt er dem Rat und besucht seine Mutter. Er entdeckt in der Familiengeschichte frühe Trennung der Kinder von ihren Eltern und eine geheime Sprache der Angst, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Als Mark Wolynn den Kontakt zu seinen Eltern intensiviert und sich mit der familiären Vergangenheit aussöhnt, erhält er seine Sehkraft fast vollständig zurück.

Auf Grund dieser Erfahrungen beginnt er sich mit Familientraumata und deren Heilung zu beschäftigen, wobei er den Fokus auf die Sprache legt, die für ihn das Tor zu alten Verletzungen ist.

Die zentralen Elemente der Sprache aufzudecken, bringt nicht nur das Trauma ans Licht, sondern zeigt auch, welche Werkzeuge und Bilder für die Heilung nötig sind. Ich konnte immer wieder beobachten, wie sich mithilfe dieser Methode tief in uns verwurzelte Gefühle wie Depression, Angst und innerer Leere mit einer einzigen Erkenntnis schlagartig ändern können. Das Medium für diese Transformation ist Sprache, die tief in uns verschüttete Sprache unserer Sorgen und Ängste.“

Mark Wolynn spricht im ersten Teil des Buches über das seelische Erbe der Familie und führt dabei mehrere Fallbeispiele auf, in denen er mit den Patienten unbewusste Muster aufspürt. Dabei kommen unter anderem Forscher aus Neurowissenschaft zu Wort, die Untersuchungen mit Kindern und Enkeln von Opfern posttraumatischer Belastungsstörungen durchführten und Zellbiologen erklären die Übertragung des Zellgedächtnis durch die Mutter auf das wachsende Leben in ihrem Bauch. Im Familiengedächtnis dagegen sind die Verhaltensweisen unserer Vorfahren gespeichert, die Guten wie die Schlechten.

Im zweiten Teil des Buches geht es um die Erforschung der Schlüsselsprache. In verschiedenen Übungen lädt der Autor die Leser ein, die eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten und sich der Beziehung zu den Eltern zu stellen. Der dritte Teil widmet sich der Aussöhnung und Heilung.

Das Überlegungen von Mark Wolynn, seine Auseinandersetzung mit dem Thema vererbtes Traumata und dem Finden zum eigenen Selbst waren für mich eine kleine Offenbarung. Die Rückschau auf die Vergangenheit der eigenen Familie erklärt sicherlich das ein oder andere Muster und auch negative Stimmungen und Ängste. Interessant waren für mich vor allem die Übungen zum Thema Aussöhnung und Veränderung des Elternbildes sowie die heilenden Sätze, um die Eltern-Kind-Beziehung positiv zu wandeln. Ich denke, Mark Wolynn hat vor allem in dem Punkt recht, wenn er sagt, man könne sich erst ganz und heil fühlen, wenn man mit seinen Vorfahren Frieden geschlossen hat und auch in ihnen die kleinen Kinder sehen kann, die sie einst waren. „Dieser Schmerz ist nicht meiner“ ist keine einfache Lektüre, da der Weg zur Selbsthilfe über das bewusste Anschauen seelischer Verletzungen erfolgt, aber es ist definitiv ein lohnenswerter Ratgeber, der denjenigen Hilfe bietet, die eine Erklärung für scheinbar grundlose und/oder plötzliche auftretende Ängste oder Traurigkeit suchen.

Informationen zum Buch:

Dieser Schmerz ist nicht meiner
Mark Wolynn
Kösel Verlag

Paperback, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-466-34655-4
Preis: 17,99 Euro

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