Emotional verzwickt! Der schmale Grat zwischen Angepasstheit und Authentizität

Ich glaubte jahrelang, vor anderen nur zu genügen, wenn ich ein fröhlich-freundliches Gesicht aufsetze. Wer „schlecht“ drauf ist, wird ausgegrenzt, der passt nicht. Meine Gefühle richteten sich irgendwann gegen mich selbst. Es ist genauso, als wenn man versucht, einen Ball mit aller Kraft unter Wasser zu drücken. Irgendwann schellt er doch nach oben.

Was ich nicht wusste, war, dass der Ausgrenzung und Ablehnung die eigene Angst vor „schwierigen Emotionen“ zu Grunde liegt. Meist wurde uns schon in der Kindheit anerzogen, jenen Ball nach unten zu drücken. Wer hat nicht schon ein paar von diesen Sätzen gehört: Heul nicht, das macht häßlich. Warum weinst du denn – das ist doch gar nicht schlimm. Stell dich nicht so an! Warum bist du bloß so empfindlich? Sei nicht so zickig. Nun reiß dich endlich mal zusammen. So eine Heulsuse!

In meiner Kindheit war es oft der Trotz, der ins Lächerliche gezogen wurde. Meine Eltern prophezeiten mir, aus meiner Stirn wüchsen Hörner, wenn ich mich bockig benehmen würde. Das raubte mir allerdings nicht jene Empfindung. Ich fühlte mich nur noch hilfloser. Meine Eltern wahrscheinlich ebenso.

Ein weinendes oder zorniges Kind kann uns überlasten, wenn wir nicht gelernt haben, unsere eigenen Gefühle anzunehmen oder überhaupt zu verstehen.

Kinder kommen ohne Masken auf die Welt. Sie sind Meister darin, ihre Gefühle zu zeigen. Die Palette ihrer Empfindungen ist bunt. Neben dem unbändigem Lachen darf auch ein wütendes Stampfen mit den Füßen sein. Die pralle Bandbreite an Emotion bedarf allerdings Verständnis der Eltern, damit Kinder lernen, sie zu benennen, zu verstehen und damit umzugehen.

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Wir Eltern sind der Anker unserer Kinder, wenn sie glauben, in ihrem Wirbel aus Emotionen ihren Halt zu verlieren. Wir sind die Umarmung, wenn der Weg aus ihrer kindlichen Wut, in einem Irrgarten zu enden droht. Und wir können ihnen sagen, dass auch wir Erwachsenen manchmal traurig oder ängstlich sind. Dass dies nichts ist, wofür man sich schämen muss, dass dies nichts ist, was die Existenz bedroht, auch wenn uns oft suggeriert wird, dass wir im Leben nur bestehen können, wenn wir fröhlich sind.

Der Mensch wird instabil, wenn er sich nicht (richtig) fühlen darf. Wenn eine Angepasstheit forciert wird, die „schwierige Gefühle“ nicht toleriert, verlieren wir den Zugang zu uns selbst. Das heißt für mich jedoch nicht, hier und jetzt, als Erwachsene, meine Gefühle unventiliert nach außen fluten zu lassen.

Mir selbst, mir ganz allein das Fühlen von Traurigkeit oder Angst zuzugestehen, schafft mir Frieden, weil ich farbenreich sein darf. Ich muss nicht vor anderen mit dem Fuß aufstampfen, wenn ich Wut empfinde, aber ja, ich darf diese Wut empfinden. Dieses Gefühl darf in mir sein, ohne dass nebenher Schuld und Scham gehen. Ich kann es in mir anerkennen, ohne es bewerten, weiterverfolgen oder vertiefen zu müssen und ohne mich dabei hilflos zu fühlen. Ich darf Traurigkeit empfinden und ich darf Angst empfinden, ohne dass ich dabei anderen das Gewicht meiner Emotionen aufbürde. Mir selbst die Erlaubnis zu geben, fühlen zu dürfen, macht mich frei, weil ich mich annehmen darf, wie ich bin. Und jener Frieden, der dabei entstehen kann, ist mir wahres Glück.

 

14 Gedanken zu “Emotional verzwickt! Der schmale Grat zwischen Angepasstheit und Authentizität

  1. Dein Beitrag gefällt mir sehr. Ich versuche auch, meinem Kind zu vermitteln, dass es die ganze Palette der Emotionen zeigen darf. Dass auch Neid und Eifersucht Gefühle sind, die auftauchen können und warum. Wir haben zwei schöne Bücher: „Jule darf auch mal wütend sein“ und „Jule darf auch mal traurig sein“.

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  2. Du schreibst so schön und treffend. Und wenn man so weit ist wie du, dass man sich mit all seinen guten und schlechten Seiten und Gefühlen akzeptiert, dann kann man auch viel offener auf andere Menschen zugehen und sie akzeptieren. Das ist wunderbar für deine „Boys“ allen Alters.

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  3. Sehr treffend geschrieben. Als Kind durfte ich keinem Erwachsenen widersprechen und kritisieren. Besonders den Eltern. Das hat aber nichts daran geändert, dass ich auch mal sauer auf sie war. Was macht man als frustiertes Kind? Die Wut schlucken ist eine Sache. Die andere ist es, dass man mit jemanden darüber reden muss, sonst wird es sehr ungesund und man lernt nicht wie man damit umgeht. Finde ich gut, dass du einen Weg gefunden hast. Deine Jungs werden es einfacher haben.

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