Älterwerden (Strandgedanken)

Ich liege im Urlaub träge wie eine Katze neben meinem Mann am Strand und hebe ab und an meine Augenlider, um die Menschen zu beobachten. Einer fällt mir besonders auf. Er ist nicht mehr jung und auch nicht schön. Der Mann in der Badehose ist ein blasser, gebückter Greis, der auf einer Krücke gestützt durchs Meer watet. Er ist konzentriert und jeder kleine Schritt, der dem nächsten folgt, wirkt beharrlich. Meine Kinder, kleine Pflänzchen – zart und temperamentvoll, wirbeln neben mir durch den Sand, lachen laut, während sie mit Ostseewasser Matsch anrühren und ich bin irgendwie mittendrin im Älterwerden.

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Die Unbeschwertheit der Jugend habe ich aller spätestens seit der Geburt meiner Kinder abgelegt, auch wenn sie manchmal aufsprudelt wie Kohlensäure versetztes Wasser, aber auch genauso schnell schal wird, wenn ich sie zu lange auszuleben versuche. Verantwortung zu übernehmen, Sorge zu tragen, ob man alles richtig macht, lässt einen erwachsen werden. Wird das von nun an immer so sein?

Es gibt Tage, da bin ich so aufgewühlt wie die raue See an Sturmtagen und ich spüre diese unsichtbare Angst wie einen lauten Donnerschlag. Ich höre schlimme Dinge, ich lese über schlimme Dinge und fürchte, um das Wohlergehen meiner Liebsten. Da ist diese Angst, dass nicht immer genug von mir da ist, um ausreichend zu bemuttern oder „fürzusorgen“. Meinen Kindern möchte ich die Welt – ohne Käseglockenmentalität – so heil wie möglich erhalten, ihren Entdeckerdrang unterstützen und genügend Geborgenheit geben. Ich wünsche ihnen ein unbeschwertes Aufwachsen und will für sie da sein, wann immer sie mich brauchen, ihre Hand halten, ihre Sorgen fortumarmen, mit Worten und viel Liebe trösten, Mut machen.

Aber hier am Strand kann ich kurz innehalten, wo mir die Sonne die Haut satt wärmt und das uralte Meer mich sanftmütig rauscht.

Der alte Mann trägt ein klitzekleines Lächeln im Gesicht, während er zu seinem Strandkorb zurück hinkt. Mein Blick gleitet zum Horizont, jene Linie, die Himmel und Wasser schneidet, jene Linie, die stets unerreichbar bleibt.

Da sprudelt etwas in mir auf. Nicht die Unbeschwertheit der Jugendjahre. Es ist eine Lebenslust, die trotz allem „Was-wäre-wenn-und-könnte-sein“ aus dem Bauch heraus in mir emporsteigt und sich in jeder Faser ausbreitet. Da ist etwas sehr Warmes, Behütendes. Ich bin dankbar. Ich bin dankbar, hier zu sein.

Es ist schön, alt werden zu dürfen.

 

3 Kommentare zu „Älterwerden (Strandgedanken)

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