Kann uns die Liebe retten? (Philosophie Magazin Nr. 04/2017)

Vielleicht ist dies eine der größten Fragen, die uns Menschen zeitlebens umtreibt: Kann uns die Liebe retten? Das Philosophie Magazin greift jenes Schwergewicht-Thema in der aktuellen Ausgabe mutig auf. Schon im Editorial besticht Chefredakteur Wolfram Eilenberger mit einer klugen Überlegung, in dem er zwei Sätze gegenüberstellt, die uns einzeln sprachlos, ja hilflos machen, doch in ihrer Vereinigung, in einer Antwort auf den anderen Ausruf, einen Rettungsanker hinwerfen, welcher uns die Angst nicht mehr als bodenlos empfinden lässt.

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Bereits Platon hat mit dem Mythos des Kugelmenschen, der ursprünglich zwei Gesichter, vier Hände und vier Füße besaß und dann von Zeus in zwei Hälften zerschnitten wurde, die Idee von der Zerrissenheit der Liebe geprägt. Nach jener Spaltung fühlte sich der Mensch uneins und suchte fortan nach seiner anderen Hälfte. Diesen Gedanken greift Autor Nils Markwardt in seinem Artikel Was heißt hier Liebe? auf und trägt ihn mit in die Gegenwart, in der auch heute noch „ein Aufgehen im anderen, eine totale Harmonie, auch von Körper und Geist“ angestrebt wird. Laut Statistik sehnen sich 95 Prozent der Frauen und 91 Prozent der Männer nach „Ruhe und Harmonie“ in einer Beziehung. Hierhin sieht Markwardt die Gefahr, dass in Zeiten absoluter Wahlfreiheit und dem „digitalen Kapitalismus“ (Onlinedating, Partnerbörsen & Co.) die Liebe „zu einer Art Wellnessanwendung verflacht“. Der Autor setzt der Verschmelzung den Kontrast entgegen. Um die Liebe am Leben zu erhalten, so dass sie auch als bereichernd empfunden werden kann, muss die Individualität des Einzelnen anerkannt werden. Vielleicht sind es erst die Spannungsfelder, die uns und unsere Liebe zueinander wachsen lassen.

Auch die Mutterliebe kommt zu Wort. Im Artikel Erkenne deine Liebe spricht unter anderem Heike Burgemann über die Kraft der Liebe, die unter der Geburt freigesetzt wurde. Die Mutter, die stets bis zur Erschöpfung über ihre Grenzen ging – nicht für sich selbst, sondern für andere – erhält während der zweiten Schwangerschaft die Diagnose Brustkrebs. Nach einer Steißgeburt folgen sofort Brust-OP und Chemotherapie. Heute hilft ihr die Liebe zu ihren Kindern, besser auf sich zu achten.

Durch den Krebs musste ich jedoch lernen, wenn schon nicht für mich, so doch zumindest für meine Kinder auf mich selbst zu hören.“

Der Philosoph Wilhelm Schmid antwortet hierzu in seinem Kommentar, dass es die Liebe ist, die Sinn schafft, aber auch eine liebende Mutter Kraft braucht, um zu regenerieren. Vor allem dann, wenn sie sich mit etwas beschäftigt, das nicht mit ihrer Mutterrolle verbunden ist. Schon ein Treffen mit Freunden, ein Kinobesuch oder die Lektüre eines guten Buches sind einfache und doch wertvolle Rezepte, um sich aufzuladen.

In Was macht die Größe der Liebe aus? unterhalten sich die Freunde Silvia Bovenschen, Essayistin und Literaturwissenschaftlerin, und der Philosoph Alexander García Düttmann über die Liebe. Auch die Frage, ob uns die Liebe im Fall einer Krankheit retten kann, wird diskutiert. Silvia Bovenschen, die seit Jahren an einer chronischen Krankheit leidet, gibt offen zu, dass sie die Last der Krankheit nur mit der Unterstützung ihrer Freundin bewältigen konnte. Vor allem ihre Schlussworte zum Thema beeindrucken mich:

Wenn es die Liebe nicht gäbe, dann bestünde die Welt aus Fressen und Gefressenwerden, aus Hauen und Stechen. Dann wäre sie uns gerade scheißegal! Wenn wir aber die Erfahrung der Liebe machen, dann bindet uns das an diese Welt. Ich brauche keine Literaturpreise mehr in meinem Leben. Was mich in dieser Welt hält, das ist die Liebe.“ (Silvia Bovenschen)

Ja, so ist es. Die Liebe hält uns. Sie kann der einzige Anker sein, wenn die Angst in uns hoch kriecht, wenn Wut uns bezwingen will und Traurigkeit uns in dunkle Löcher zieht. Die fürsorgliche Liebe zu uns selbst, die uns stark macht, um für uns und andere zu sorgen. Die Liebe, die gibt, voller Mitgefühl und die nichts erwartet. Die leidenschaftliche Liebe, die so knistert und voller Spannung ist, dass sie uns in ungeahnte Höhen treibt. Die stille und tiefe Liebe, die Differenzen ertragen kann, weil sie nicht nur akzeptieren kann, sondern weil in ihr die Kraft zum Verzeihen wohnt. Die Liebe steckt voller Facetten, wie das Leben selbst. Zu lieben heißt zu leben.

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Alle Artikel im Dossier:

Kann uns die Liebe retten?

Was heißt hier Liebe?
Von Nils Markwardt

„Ein Ereignis, das uns einen ersten Sinn schenkt“
Gespräch mit Alain Badiou

„Das Dämonische hat mich getroffen“
Die Liebe Heidegger/Arendt
Von Wolfram Eilenberger

Erkenne deine Liebe
Wilhelm Schmid kommentiert fünf Bekenntnisse

Risiken und Nebenwirkungen
Von Margarete Stokowski

Was macht die Größe der Liebe aus?
Silvia Bovenschen und Alexander García Düttmann im Gespräch

 

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