Wem muss ich gefallen?

Viele Denkanstöße gab mir in den letzten Tagen das Buch „Ich geb auf mich acht“ von Geri Scazzero, einer vielbeschäftigten Pastorenehefrau und vierfachen Mutter, die sich auf Grund überhöhter Ansprüche an sich selbst und dem Wunsch, jedem gefallen zu müssen, in die Erschöpfungsfalle katapultierte. Aber wie entsteht dieser Gedanke, gerade in uns Frauen, es anderen unbedingt und immer Recht machen zu müssen, um Bestätigung und Zuwendung zu erhalten?

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Beispielhaft in Erinnerung geblieben sind mir die Tage in meiner Kindheit, an denen meine Mutter recht verbissen durch die Wohnung routierte und alles blitzblank putzte, weil sich Gäste angekündigt hatten. Ich fühlte mich im Weg stehend und wunderte mich über die Gereiztheit meiner Mutter. Es stand ein Fest an und sie hatte schlechte Laune. Als Kind verstand ich dies als Paradox besser, als Jahre später, in denen ich mir bereits unbewusst einige Teile des Musters, welches mir meine Mutter vorlebte, aneignetet hatte.

Hinzu kommen die Erinnerungen an die Ermahnungen vor eben solchen Festen, ob bei uns zu Hause oder andernorts, dass ich doch bitte ein liebes Mädchen sein solle, mich benehmen und keinen Ärger machen solle. Aufzufallen, war nicht erwünscht.

Vielleicht ist dies ein Überbleibsel aus DDR-Zeiten, in denen gleichgemacht wurde, in denen keiner aus der Reihe tanzen sollte. Vielleicht war es auch ein altes Erbe, welches eine noch nicht allzu emanzipierte Generation an die andere weitergibt.

Was das in meinem kindlichen Ich auslöste, waren vor allem Schüchternheit und Angst vor Ablehnung. Irrtümlicher Weise steigert die Anerkennung durch andere und deren wohlgefälliger Blick später kaum unser positives Selbstwertgefühl, wenn nicht schon eine gesunde Basis vorhanden ist oder wir bereit sind, an uns zu arbeiten. Das Wort sagt es ja schon: uns selbst einen guten Wert zusprechen. Was passiert also, wenn man in der Kindheit spürte, dass man vor allem dann angenommen wird, wenn man fremden Erwartungen entspricht?

Man verliert den Zugang zu seinen eigenen Bedürfnissen. Es ist ein langer Weg, dies wieder zu erlernen. Aber es ist nicht unmöglich.

Jenes „Nein“ sagen zu lernen, dass die Autorin Geri Scazzero in ihrem Buch empfiehlt, kann der Schlüssel sein, der uns die Tür nach innen wieder öffnet. Und jenes „Nein“ kann auch die Stopptaste sein, welche die stetig rasante Achterbahnfahrt beendet, die uns nicht zur Ruhe kommen lässt, wenn wir permanent auf das schauen, was die anderen von uns denken.

Es ist auch für unsere Kinder wichtig, dass sie sehen, wie wir als Mütter, für uns einstehen können, dass wir unseren Bedürfnissen nachspüren dürfen, ohne uns schuldig fühlen zu müssen. Wir Mütter leben unseren Kindern das Leben vor. Wir sollten uns in diesem, unserem eigenen Leben nicht deplatziert fühlen, weil wir eine Rolle spielen, die den Applaus von anderen verlangt, um aufrecht erhalten zu werden. Dieses Gefühl wünschen wir unseren Kindern schließlich auch nicht.

Ich greife meinen Beitragstitel noch mal auf und frage: „Wem muss ich gefallen?“ Eigentlich weiß ich die Antwort ganz genau. Mir selbst. Doch manchmal tappe ich, weil ich unbedacht alten Mustern folge, in jene Falle und frage mich stattdessen, was die anderen denken. Nicht immer, aber immer noch zu oft.

Am Rande. Was ich definitiv gelernt habe, seit meine Jungs auf der Welt sind: die Staubkörner auf dem Regal, die Handabdrücke der Kinder an den Fensterscheiben und die Krümel auf dem Boden interessieren niemanden, wenn die Gastgeberin einer Feier mit einem aufgeräumten Gemüt ihre Gäste empfängt.

Ich wünsche euch einen zuversichtlichen Start in den Wonnemonat.

Ein Kommentar zu „Wem muss ich gefallen?

  1. Ich dachte immer, dass die Gleichberechtigung in der DDR mehr fortgeschritten war als bei uns im Westen. So kann man sich täuschen. Ich bin auch noch damit aufgewachsen, dass die Frau es immer ihrem Mann recht machen muss, das war so quasi ihre Hauptaufgabe. Deshalb wollte ich ja nie heiraten … 😉

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