Baba Dunjas letzte Liebe von Alina Bronsky (Rezension)

Baba Dunja lebt mit einer kleinen Gruppe Zurückgekehrter in einem verstrahlten Gebiet, das nach einem Reaktorunfall zur Todeszone erklärt wurde. Der fiktive Schauplatz des Romans, das Dorf Tschernowo, erinnert nicht nur zufällig an Tschernobyl. Die Figuren sind Gleichgesinnte, die eine vergangene Welt wieder auferstehen lassen. Es sind Menschen, die hier ihre Heimat gefunden haben und sich keinen anderen Platz zum Leben vorstellen können.

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Neben Baba Dunja, einer ehemaligen Krankenschwester und Mutter von zwei Kindern, die robust und lebensklug, eine Art Bürgermeisterin für die Dörfler darstellt, wohnen hier auch die ehemalige Melkerin Marja, die mit dem fast hundertjährigen Sidorow anbandelt, der sterbenskranke, bücherliebende Petrov, Lenotschka, die von niemandem angefasst werden möchte und das Schach spielende Ehepaar Gavrilow. Es sind Menschen, die nebeneinanderher wohnen und sich nicht stören. Sie alle werden auf die Probe gestellt, als plötzlich zwei Fremde auftauchen und ein Unglück das herausfordert, was die Dorfbewohner wirklich brauchen: eine richtige Gemeinschaft.

Die Heldin des Romans, Baba Dunja, die man schon nach den ersten Zeilen ins Herz schließt, ist verwurzelt mit ihrem Stückchen Erde und dem Haus, in dem sie mit ihrer Familie bereits vor dreißig Jahren, ehe die Reaktorkatastrophe geschah, lebte. Inzwischen ist ihr Mann tot und von ihrem Sohn erhält sie nur zu Weihnachten eine Grußkarte. Ihre Liebe gilt vor allem ihrer Tochter Irina, die als Chirurgin in Deutschland arbeitet und ihrer beinah 18-jährigen Enkeltochter Laura, die sie noch nie gesehen hat. Baba Dunja hat keine Angst vor dem Sterben. Das Altwerden trägt sie mit Gelassenheit. Manchmal sieht sie die Toten von Tschernowo und unterhält sich mit ihnen.

Baba Dunja ist eine starke Frau, die allerdings erst im hohen Alter erkennt, was es heißt, sich im Leben wohlzufühlen. Sie lebt authentisch und ist ein kraftvolles Vorbild für jede Frau, da sie würdevoll und selbstbestimmt ihren Weg bis zum Ende geht, ohne dabei bitter zu werden und essentiellen Dingen vertraut: Liebe und Mut.

Alina Bronsky, die in Russland geboren wurde und seit Anfang der Neunzigerjahre in Deutschland lebt, schafft mit „Baba Dunjas letzte Liebe“ einen poetischen und klugen Roman, der mich bis zur letzten Seite fesselt und dessen Botschaft ich, hingerissen zwischen Begeisterung und leiser Melancholie, gern in mir aufnehme.

Informationen zum Buch:

Baba Dunjas letzte Liebe
Alina Bronsky
Verlag Kiepenheuer & Witsch

Taschenbuch
160 Seiten, Broschur
ISBN: 978-3-462-05028-8
Preis: 8,00 Euro

8 Gedanken zu “Baba Dunjas letzte Liebe von Alina Bronsky (Rezension)

  1. Liebe Katja,
    ich schließe mich Stella an, Du schreibst so tolle Rezensionen, dass man sofort begeistert ist, richtig neugierig wird und die Bücher alle haben möchte. Ich hätte schwören können, Du bist Bibliothekarin….😉. Dem ist offensichtlich nicht so, aber Du machst die mitreißendste „Werbung“ für wirklich immer sehr berührende Geschichten, oder Kinderbücher.
    Wieder einmal ein großes Dankeschön für die literarischen Highlights, welche Du uns empfiehlst!
    Ein zauberschönes langes Wochenende mit vielen guten Momenten und Zeit zum Lesen wünsche ich. Liebste Grüße Doreen.

    Gefällt 2 Personen

    1. Oh, liebe Doreen, herzlichen Dank für deine Worte. Ich freue mich so, wenn euch die ausgewählten Bücher ansprechen. Vermutlich ist mein Alter Ego Bibliothekarin aus Leidenschaft 😉
      Ich wünsche dir und deinen Lieben auch ein herzensgutes, wundervolles Wochenende.
      Allerliebste Grüße
      Katja

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