Der Ruf der Bäume von Tracy Chevalier (Buchrezension)

Als James Goodenough mit seiner Familie nach Ohio, in den Black Swamp, übersiedelt, fühlt es sich für seine hochschwangere Frau Sadie so an, als wäre sie gestrandet. Während am Sumpffieber im Laufe der Jahre die Hälfte ihrer Kinder stirbt, verfällt Sadie dem selbsternannten Missionar und Baumhändler John Chapman sowie dessen Applejack. Nur James und der jüngste Sohn Robert finden in der Kultivierung von Apfelbäumen eine Aufgabe, die sie mit einer Leidenschaft verfolgen, welche vor allem bei James bald zur Besessenheit wird. Denn er weiß, dass es fünfzig Obstbäume sein müssen, damit er endlich Anspruch auf das Stück Land erheben kann, dass er einst gezähmt hat.

chevalier

Tracy Chevalier erzählt in ihrem neuen Roman vom entbehrungsreichen Leben einer Familie im Amerika der Pionierzeit und von den Bäumen, jenen stillen und doch schicksalsträchtigen Helden, denen die Macht eingeräumt wird, ein Menschendasein zu erheben oder niederzuzwingen.

Zwischen den Eheleuten James und Sadie herrscht ein nie endender Streit, um den Anbau von Goldpeppings, süßen Tafeläpfeln mit einem Hauch von Ananasgeschmack, die James an seine Heimat erinnern und dem Anbau saurer Mostäpfel, die sich hervorragend dafür eigenen, um Applejack anzusetzen und damit der Realität zu entfliehen. Hinter Sadies Alkoholismus verbirgt sich eine tiefe Unzufriedenheit gegen das Leben im Black Swamp, die sich in zerstörerischen Hass wandelt, je mehr sich James seinen Goldpeppings widmet, welche er über Frau und Kinder stellt. Schließlich zerreißt eine Tragödie die Goodenoughs und nur Robert, der Jüngste, wagt mit einem Aufbruch in den Westen, einen Neuanfang. Doch auch dort lassen ihn die Bäume nicht los.

Am Anfang des Buches war mir, als müsse ich eine verzogene Eichentür aufstoßen, so schwer fand ich Eingang in die Handlung. Schuld daran waren wohl Sadies Grobheiten und ihre Bitterkeit sowie James blinder Enthusiasmus und seine eher mangelhafte Menschenliebe: ein Elternpaar, fern von der Sorge um den eigenen Nachwuchs. Alkoholismus, Gewalt und emotionaler Missbrauch gehen hier Hand in Hand. Ich frage mich, was passiert mit einem Baum, dem die Wurzeln faulen? Hat er noch genug Kraft den Stamm aufrecht zu halten, geschweige denn, wird er gute Früchte tragen?

Sadie selbst erscheint wie ein Gewächs, das in den falschen Erdboden verpflanzt wurde, das im Mutterboden keine Nahrung findet. Sie sucht einen Ausweg, der aber nur in der Selbstzerstörung endet. Ich empfinde schließlich Mitleid mit ihr. Sie ist eine Verlorene, die ungeliebt ist, sich selbst nicht liebt und keine Liebe schenken kann. Nur ihrem jüngsten Sohn Robert scheint sie etwas zugewandt. Er ist es letztendlich auch, der den Sumpf und all seinen Dreck hinter sich lässt. Robert und die Figuren, denen er im Laufe der Handlung begegnet, geben dem Buch im wahrsten Sinne frischen Wind, auch wenn uns die Autorin immer wieder ins Sumpfland zurückblicken lässt.

Letztendlich mochte ich den Roman von Tracy Chevalier gar nicht mehr zur Seite legen. Sie zeichnet das Bild eines Mannes, der trotz aller Startschwierigkeiten, seinen Weg ins Leben findet und lässt in mir eine tief berührte und hoffungsfrohe Leserin zurück.

 

5 Gedanken zu “Der Ruf der Bäume von Tracy Chevalier (Buchrezension)

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