Östlich der Sonne und westlich des Mondes – Illustrationen von Kay Nielsen (Buchrezension)

Fünfzehn klassische Märchen aus dem Norden hat der TASCHEN Verlag in einem prächtigen Band versammelt, welcher in einer so edlen Aufmachung daherkommt, dass er der Buchkunst alle Ehre macht. Die Illustrationen des dänischen Künstlers Kay Nielsen (1886–1957) verweben sich mit den Märchen und zaubern den Lesern in eine Welt, in der Trolle lebendig sind, in der man sich vom Nordwind etwas wünschen darf und wo östlich der Sonne und westlich des Mondes ein Schloss liegt, in dem verwunschene Prinzen auf Erlösung hoffen.

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Bereits 1914 erschienen die ausgewählten skandinavischen Märchen und avancierten zum Klassiker. Der TASCHEN Verlag ergänzte nun das Original in einer Neuauflage um zahlreiche, bisher nie gezeigte Illustrationen Nielsens. Drei Essays über die Ursprünge der norwegischen Volksmärchen, das Leben und Werk des Künstlers Kay Nielsen sowie die Buchillustration als Kunstform Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vermitteln ein detailliertes Hintergrundwissen.

Nachdem „Östlich der Sonne und westlich des Mondes“ vor einigen Wochen kurz als ein Freitagsliebling von Sylvi auf momsfavoritesandmore vorgestellt wurde, fühlte ich mich direkt an meine Kindheit und die Märchensammlung meiner Großmutter erinnert. Ein Taschenbuch hatte es mir damals besonders angetan. Es trug den Titel „Die Puppe im Grase“ und enthielt eine Reihe norwegischer Märchen.

Der TASCHEN Verlag überredet mich mit seiner Ausgabe der nordischen Märchensammlung erneut zum Kindsein. Während ich beim Vorwort noch gesittet auf der Couch sitze, liege ich spätestens bei „Das blaue Band“ bäuchlings auf dem Teppich, wie einst als kleines Mädchen, und träume mich in ein Reich voller sagenhafter Gestalten.

In den Märchen steckt mehr als bloße Dichtung. Sie packen den Leser mit all ihrem Grauen und all ihrer Schönheit und ziehen ihn tief hinab bis an die Wurzel, damit er ihre ureigene Lehre in sich fühlt. So steinig der Weg des Helden (oder der Heldin) ist, so oft er auch fällt oder Dummheiten begeht (z.B. Geheimnisse verrät oder Versprechen bricht), wenn er aufsteht, mutig handelt, wenn er sich an seine Tugend erinnert, wird er belohnt. Meist steht die wahre Liebe am Ende der Geschichte. Und ist das nicht der schönste Preis?

Es gibt aber auch noch andere Arten von Märchen. Belustigt hat mich der Rollentausch von Ehemann und Ehefrau in „Der Mann, der das Haus beschicken sollte“. Der griesgrämige Alte, dem seine Frau nie etwas recht machen kann, landet am Ende des Tages als Hausmann kopfüber im Grützkessel.

Einige der norwegischen Märchen erinnern an andere Volkssagen, zum Beispiel tauchen ähnliche Motive wie aus den Grimm’schen Märchen auf. Es gibt Parallelen zu „Tischlein deck dich“ in „Vom Burschen, der vom Nordwind das Mehl zurückforderte“ oder erinnert mancher Märchentroll durchaus an den nach Menschenfleisch gelüstenden Beelzebub aus“Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“.

Neben der Erzählkraft der Märchen beeindrucken mich vor allem Kay Nielsens Illustrationen. Seine langgliedrigen Figuren erinnern an Tolkiens Elben. Aufrecht und stolz, strahlen sie eine nordisch kühle Eleganz aus, wirken intensiv und unnahbar zugleich.

Letztendlich ist für mich „Östlich der Sonne und westlich des Mondes“ ein kostbarer Buchschatz, der sicher auch meiner Großmutter gefallen hätte – und sie wusste um gute Märchenbücher.

11 Kommentare zu „Östlich der Sonne und westlich des Mondes – Illustrationen von Kay Nielsen (Buchrezension)

  1. Nicht nur schön zu lesen, sondern auch visuell wertvoll durch die wunderbaren Illustrationen. Ein guter Fund!
    Märchen sind so wichtig für die Kindheit, finde ich, wir wuchsen auf mit u. a. Tausend und eine Nacht und Nils Holgersson, immer noch eines meiner Lieblingsmärchen. Wenn ich sehe, dass sich Gänse zum Abflug sammeln, werde ich immer ganz nostalgisch und wünschte ich könnte mitfliegen.

    Gefällt 1 Person

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