The Stand – Das letzte Gefecht von Stephen King (Buchrezension)

Durch einen Laborunfall breitet sich die hochgezüchtete Mutation eines Grippevirus aus, welches zur biologischen Kriegsführung gedacht war und tötet 99,4 Prozent aller Menschen. Captain Trips fegt Amerikas Landstriche leer, während die Regierung noch alles zu vertuschen sucht und das Militär gegen jegliche mediale Verbreitung einer eventuellen Wahrheitsverkündung und den Widerstand der Bevölkerung mit absoluter Gewalt vorgeht. Letztendlich löst sich auch die Regierung auf, Soldaten desertieren oder schlachten sich im Wahn der Krankheit gegenseitig ab. Zurück bleiben die Immunen in einem entvölkerten Amerika, größtenteils verängstigt und noch unwissend, dass sie vor der bedeutsamsten Entscheidung ihres Lebens stehen.

Nach der Grippe-Katastrophe werden die Überlebenden von geheimnisvollen Träumen heimgesucht und das Lager teilt sich in jene, die sich um die zutiefst gläubige Mutter Abigail scharen und eine Freie Zone errichten, sowie jene, die dem dunklen Mann, Randall Flagg, und seinen Versprechungen folgen. Gut gegen Böse. Dennoch bleibt Stephen King dabei immer menschlich. All seine Figuren werden von Sehnsüchten und Hoffnungen getrieben und auch von ihren Ängsten bestimmt. Enttäuschungen verwandeln den Charakter, löschen Gutwill aus und entfachen blinden Zorn oder aber schüren Skepsis und das Verlangen nach echter Brüderlichkeit und so bleibt es nicht aus, dass manch einer das Lager wechselt.

thestand

Stephen King veröffentlichte „The Stand – Das letzte Gefecht“ bereits im Jahr 1978 in einer gekürzten Version. 1990 fügte man wieder 400 Seiten hinzu und 2016 brachte der Heyne Verlag Kings episches Werk schließlich mit einem Umfang von über 1700 Seiten heraus.

Den letzten King las ich vor etwa zwanzig Jahren. Er war der einzige Schriftsteller, dessen Bücher ich je aus dem Genre Horror gelesen haben. Sonst hatte und habe ich keinerlei Neigung in diese Richtung entwickelt. Damals schon wusste mir King als Leser mit seinen Werken „Sie“ und „The Green Mile“ Angst einzujagen, aber mehr als das, schätzte ich seine Charakterstudien und seine Sensibilität, mit der er in mir solch starkes Mitgefühl gegenüber dem über zwei Meter großen, schwarzen und zu unrecht verurteiltem John Coffey zu erwecken wusste, dass mir Tränen in den Augen brannten.

Mit „The Stand“ tauche ich erneut ein in die Welt des Autors und meine Grundstimmung ist diesmal fast durchweg ängstlich besetzt. Ich schiebe es darauf, dass ich mich als Leser in den letzten zwanzig Jahren verändert habe. Gerade die Mutterrolle macht mich vorsichtiger, empfindlicher. Schlimmer noch als Randall Flaggs bösartig manipulative Natur, empfand ich beim Lesen des Romans, die Zerstörungswut der Menschen. Die Züchtung eines Supervirus, das dazu geschaffen wird, den Großteil der Menschheit auszulöschen, ist nicht nur reine Utopie. Wir wissen um biologische Waffen. Die kalkulierte Absicht, seine eigene Art auszulöschen, ist der größte Horror und nicht umsonst lässt King seine Protagonisten zum Ende hin fragen: „Glaubst du, dass die Menschen jemals vernünftig werden?“

Stephen King scheint eine Inspiration für sein Mammutwerk im Gedicht Das zweite Kommen von William Butler Yeats gefunden zu haben, welches im Laufe der Handlung auch erwähnt wird. Es trifft sehr passend den Kern des Romans:

Drehend und drehend in immer weiteren Kreisen
Versteht der Falke seinen Falkner nicht;
Die Welt zerfällt, die Mitte hält nicht mehr;
Und losgelassen nackte Anarchie,
Und losgelassen blutgetrübte Flut,
Das Spiel der Unschuld überall ertränket;
Die Besten sind des Zweifels voll, die Ärgsten
Sind von der Kraft der Leidenschaft erfüllt.

Gewiß steht jetzt bevor die Offenbarung;
Gewiß steht jetzt bevor die Wiederkunft.
Die Wiederkunft! Bevor noch ausgesprochen
Trübt groß die Vision aus Spiritus Mundi
Mir meine Sicht: Aus den Sänden der Wüste
Schimmert das Bild eines Löwen mit Kopf eines Mannes,
Wie Sonne starrend sein Blick, verschlossen und grausam,
Die zögernden Schenkel bewegend, daß rings um in her
Aufschwirren die Schatten empörter Vögel der Wüste.
Wieder bricht Dunkel herein – doch weiß ich es nun
Daß zwanzig Jahrhunderte eines steinernen Schlafes
Zum Albtraum erweckt vom Stoß einer schwankenden Wiege:
Und welch räudiges Tier, des Zeit nun gekommen,
Kreucht, um geboren zu werden, Bethlehem zu?“

William Butler Yeats „Das zweite Kommen“

Trotz aller düsterer Träume, negativ besetzter Charaktere und eines schauderhaften Endzeitszenarios, lässt Stephen King uns den Glauben an die Liebe nicht verlieren. Als Jane Bakery, die Frau des Sheriffs, in den Armen von Nick Andros stirbt, sagt sie:

Wir … haben uns geliebt … so sehr geliebt … Liebe sorgt dafür, dass die Welt sich dreht, das war immer meine Meinung … nur die Liebe ermöglicht es Männern und Frauen, in einer Welt aufrecht zu stehen, in der die Schwerkraft sie immer nach unten zieht …“

Und als Mutter Abigail verkündet „Gott ist groß. Gott ist gut“, schweißt das die Überlebenden zusammen, die sich um die Greisin scharren. Trotz aller Widrigkeiten erhoffen sie eine Besserung ihrer Lage, erhoffen eine Zukunft, in der sie gut miteinander leben dürfen. Das macht sie letztlich stark und mutig.

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