Geister von Nathan Hill (Buchrezension)

Samuel ist ein in sich gekehrter und sensibler Junge von elf Jahren, als er von seiner Mutter verlassen wird. Danach ist nichts mehr wie zuvor. Der Verlust seiner Wurzeln, die Instabilität seines Seins und die Unsicherheit, nicht zu wissen, wohin er gehört, begleiten ihn fortan. Selbst als Erwachsener, inzwischen Professor für englische Literatur, flüchtet er sich lieber Abend um Abend in die Scheinwelt des Computerspiels World of Elfscape, anstatt jenes Buch zu schreiben, das er bereits vor zehn Jahren seinem Verleger versprochen hatte, um seine Jugendliebe Bethany zu beeindrucken. Eines Tages erscheint seine Mutter plötzlich wieder auf der Bildfläche. Faye, die den republikanischen Präsidentschaftskandidaten bei einer öffentlichen Rede mit Kieselsteinen beworfen hat, wird zur Zielscheibe von Staat und Medien. Nur Samuel scheint sie retten zu können, doch dazu muss er sich auf eine Reise in die Vergangenheit begeben.

Auf über 850 Seiten erzählt Nathan Hill eine erschreckend intensive und aufwühlende Geschichte über Sehnsucht und Schuldgefühle. Es ist keine leichte Kost und stellenweise verstören mich brutale Episoden und Gedanken, die ich nicht an mich heranlassen möchte und doch erscheint es, als stoße Nathan Hill die Leser durch all die schrecklichen Dinge hindurch, nur um ihnen am Ende versöhnlich die Hand reichen zu dürfen.

Der Originaltitel des Buches lautet „The Nix“ und spielt dabei auf die Nisse an, jene als in Teilen Skandinaviens bekannten Geister, die eigensinnig nach ihrem Belang handeln und es vor allem auf allein umherstreifende Kinder abgesehen haben. Fayes Vater, der ursprünglich aus Norwegen stammt, erzählte einst seiner Tochter diese Geschichte und sie trägt diese an Samuel weiter.

Die Dinge, die du am meisten liebst“, sagte sie, „werden dich eines Tages am schlimmsten verletzten.“

Samuel ist ein Suchender, den vor allem eine Frage umtreibt. Warum hat ihn seine Mutter vor so vielen Jahren verlassen? Als Faye wieder auftaucht, gibt sie sich ihrem Sohn gegenüber spröde und verschlossen. Samuel muss sich zuerst allein auf Spurensuche zurück in die Vergangenheit begeben. Im von Unruhen gezeichneten Chicago des Jahres 1968 scheint sich des Rätsels Lösung zu befinden.

geister

„Geister“ ist ein großer Roman, der sich am Ende offenbart und mich als Leser ermutigt, trotz aller Fremdeinwirkungen, die unsere Rädchen im Getriebe drehen oder zum Stillstand bringen wollen, stets zu versuchen, selbst zu handeln und Eigeninitiative zu zeigen, statt das Leben abzuwarten.

Vor allem ein Buchzitat bleibt mir dabei unvergessen:

Wenn ein neuer Anfang wirklich neu ist, fühlt er sich wie eine Krise an. Jede wirkliche Veränderung sollte dir zunächst einmal Angst machen. Wenn sie dir keine Angst macht, ist es keine wirkliche Veränderung.“

 

8 Gedanken zu “Geister von Nathan Hill (Buchrezension)

    1. Ich glaube, der Mensch ist ein Gewohnheitstier und oft macht Neues erst mal vorsichtig oder wir blicken Situationen ängstlich entgegen. Sind es allerdings Dinge, die wir sehnlichst erwarten, fühlen wir vielleicht jene Erleichterung, weil wir uns ja schon längst in Gedanken dem Neuen geöffnet haben (und das in einer ganz liebevollen Weise). Was meinst du?
      Liebe Grüße

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      1. Ich denke, wenn eine Veränderung von mir ausgeht, habe ich keine Angst, sondern freue mich darauf. Aber wenn ich zu einer Veränderung durch äussere Umstände oder andere Menschen gezwungen bin, dann kann ich schon zaghaft sein.

        Menschen sind ja auch verschieden. Manche lehnen jegliche Veränderung immer grundsätzlich ab, andere sind offener und warten erst einmal ab, wie sich das Ganze entwickelt.

        Gefällt 1 Person

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