Der erste Schnee

Heute am frühen Morgen weckten mich knarzende und schleifende Geräusche, die von der Straße zu unserem Schlafzimmerfenster empor drangen. In der Wohnung war es dunkel und still. Die Kerle träumten noch in ihren Betten. Ein wenig schlaftrunken bewegte ich mich zum Fenster und öffnete die Jalousie ein Stückchen und da lag er vor mir in seiner ganzen puren Schönheit: der erste Schnee dieses Winters. Er hatte die Häuserdächer mit einer Puderzuckerschicht überzogen und im goldenen Laternenlicht schwebten zarte Flocken. Die Gehwege beräumte unterdessen der Winterdienst, daher auch jene Geräusche, und einer unserer Nachbarn machte sich an den Scheiben seines Autos zu schaffen.

Ich blieb ein paar Minuten für mich, verzaubert von diesem Anblick, während Kindheitserinnerungen mein Herz umwehten. Der erste Schnee trug immer ein Versprechen mit sich. Er symbolisierte einen Zauber, der die Welt in weiße Tücher kleidete und sie ganz still machte, rein und voller Unschuld. Und er versprach jeder Kinderseele ein Abenteuer in Form einer Schlittenfahrt, einer Schneeballschlacht oder dem Bau eines Schneemanns. Und trotz aller dunklen Winterstunden – im Schnee ward alles licht und klar.

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Heute Morgen spürte ich, wie sich eine angenehme Ruhe in mir ausbreitete. Keiner von uns musste an diesem ersten Montag des neuen Jahres zur Arbeit oder in die Kita und wir blieben verschont vom Verkehrswirrwarr, das unbestreitbar auch zu den Folgen eines ersten Schneefalls gehören mag. Ganz leise habe ich das Fenster einen Spalt geöffnet und die kalte Luft eingesogen. Da war er wieder, jener Geruch von Frost, der alle anderen Aromen einzufrieren scheint und nur noch kristallreine Kälte übrig lässt.

Als ich wenig später die Kinder weckte, tat ich es mit einem Flüstern in jedes Kinderohr. „Es hat geschneit.“ Der erste Schnee besitzt einen großen Zauber. Er verwandelt müde kleine Gesichter in eine große übersprudelnde Fröhlichkeit. „Es hat geschneit! Es hat geschneit!“, ruft Big J. vor lauter Glück und hüpft auf nackten Füßen durchs Zimmer, während sich Little J.’s Blick zum Fenster in die neue weiße Welt hinaus staunt. Mein Mutterherz wird ganz warm dabei. Ja, der erste Schnee besitzt einen großen Zauber.

Habt es fein!

 

2 Gedanken zu “Der erste Schnee

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