Familie: Zuflucht oder Zumutung? (Philosophie Magazin)

Ich halte mein erstes Philosophie Magazin in den Händen und das aus gutem Grund. Die aktuelle Ausgabe hat sich dem Thema Familie verschrieben. Es wird kontrovers diskutiert und der Frage nachgespürt, die manch einen gerade in der Vorweihnachtszeit in Hinblick auf eine gemeinsame Feier mit der Verwandtschaft umtreibt: „Ist die Familie eine Zuflucht oder Zumutung?“ Als Mutter fühle ich mich ein bisschen provoziert. Nicht nur von jener Schlagzeile, sondern auch von der schafsköpfig maskierten Familie, die mich vom Cover aus anstarrt. Natürlich obsiegt meine Neugier, einen Blick ins Magazin zu werfen.

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In der aktuellen Ausgabe kommen viele kluge Köpfe zu Wort, die das Titelthema tragen und Denkanstöße geben. Einer der Autoren, Wolfram Eilenberger, beschreibt die Familie als Spannungsfeld. Man kann sie sich nicht aussuchen, man wird „hineingeworfen“. Zeitlebens versucht man sich zu lösen, sich zu distanzieren, um zu sich selbst zu finden in seiner ganzen Individualität.

In Wahrheit ist die Familie für die erdrückende Mehrheit von uns ein Nest mannigfacher Widersprüche, Zumutungen und konkreter Enttäuschungen. Doch zeitlebens eben auch dies: ein Nest. Das heißt, ein Ort der Zuflucht, Geborgenheit, Eigentlichkeit.“ (Wolfram Eilenberger)

Ja, vielleicht stimmt das tatsächlich und wir blicken so auf jene, die uns unsere Wurzeln gaben. Sind die Feiertage deshalb für viele eine Frustrationserfahrung?

Es sind Verflechtungen, die uns schlimmstenfalls, die Luft abschnüren, weil wir so verschmolzen mit den anderen sind, dass wir unseren Kern nicht finden. Aber die Familie ist auch ein Hort der Nähe, des Zusammenhalts und es existiert eine Vertrautheit jener ersten Jahre, die wir immer wieder suchen.

Und was ist mit der Erwartung mancher Eltern an ihren Nachwuchs, was bekommen sie für ihre über all die Aufzuchtsjahre geleisteten kleinen und großen Opfer? Für eine Befreiung von der Schuld den Eltern gegenüber plädiert die Philosophin Barbara Bleisch:

Angesichts der großen Aufwendungen, die Eltern für ihre Kinder auf sich genommen haben, halten sie ihren Nachwuchs offenbar für verpflichtet, sie im Erwachsenenalter dafür zu entschädigen. Zu Unrecht. Denn Kinder haben um ihr Leben ebenso wenig wie um ihre Erziehung gebeten. Jemanden in die Pflicht zu nehmen, weil man ihm etwas geschenkt hat, wovon man nicht weiß, ob er es haben wollte, ist unfair.“ (Barbara Bleisch)

Es hat nichts mit Undankbarkeit zu tun, so Barbara Bleisch. Es handelt sich einfach um eine Gleichung, die nicht aufgehen kann. Wir bekommen Kinder nicht, damit sie uns etwas schulden, damit sie für uns sorgen, wenn wir alt sind.

Schon Johann Gottlieb Fichte wusste, dass Liebe – wahrhafte Liebe, die einander nicht einengt – das Wesentliche ist:

Dem Kind geduldig und fürsorglich Grenzen in einem Raum des unerschütterlichen Urvertrauens zu setzen, ist somit nicht nur die hohe Kunst der Erziehung, sondern auch die Basis des freien, selbstverantwortlichen Menschen.“ (Auszug Philosophie Magazin Nr. 01/2017)

Egal wie verwurzelt wir sind mit den Menschen, die uns das Leben geschenkt, die uns aufgezogen haben, alte Familienstrukturen werden aufgelöst, wenn neue Mitglieder geboren werden. Was wir daraus machen, bleibt uns überlassen.

Wie empfinde ich nun die Thematik als Mutter von zwei kleinen Kerlen? Ich habe ein Nest gebaut, das eine Zuflucht sein soll für die Jungs, ein Wohlfühlort, ein Zuhause. Dennoch muss ich mich auch darauf einstellen, dass ich mich Jahre später eventuell auf Vorwürfe gefasst machen kann, weil sich eben doch nicht alles richtig anfühlte für die Kerle. Ja, das kann passieren. Aber davon lasse ich mir jetzt, hier und heute, keine Angst machen. Ich gebe jeden Tag mein Bestes mit meinem ganzen Herzen. Ich kann nicht mehr, ich will nicht weniger tun.

Herzlichen Dank, liebe Presseabteilung für das zugesandte Exemplar des Philosophie Magazins. Ich gratuliere ganz herzlich zum fünfjährigen Bestehen! Provokant und sehr informativ – beides ist euer Magazin für mich. Macht weiter so.

 

8 Gedanken zu “Familie: Zuflucht oder Zumutung? (Philosophie Magazin)

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