Flüchtige Kostbarkeiten

Als ich vor kurzem an einem kalten Novembervormittag mit Little J. den Kindergarten nach zwei Eingewöhnungsstunden verlassen wollte, kam mir im Garten der Kita mein Großer, den ich meist erst nach dem Vesper abhole, entgegen gestürmt und verkündete aufgeregt: „Mama, ich habe einen Schatz gefunden.“ Auch die Meute von Kerlen und Räuberinnen, die sich um uns versammelte, starrte mit rotwangigen Gesichtern und großen Augen auf Big J.’s Jackentasche, die er stolz abklopfte.

Einer seiner kleinen Freunde kannte bereits das Geheimnis: „Big J. hat einen Kristall gefunden!“

Ein Raunen ging durch die Meute. Ich ließ mich anstecken.

„Zeig doch mal“, bat ich ihn.

Big J.’s Finger schoben sich in die Jackentasche und er holte vorsichtig einen Gegenstand heraus und hielt ihn so ins Licht, dass er in der Vormittagssonne wie verzaubert aufleuchtete. Mein erster Schrecken, dass es sich um eine Glasscherbe handeln könnte, verlor sich schnell, als ich sah, wie kleine Wasserperlen von Big J.s geröteter Hand tropften.

Es war ein Stück Eis, etwa fünf mal zehn Zentimeter groß, das nun langsam begann, zwischen den Finger meines Vierjährigen zu schmelzen.

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Bildquelle: pixabay

In der Kita gibt es draußen im Garten einen kleinen Trog im Sandkasten, aus dem die Kinder Wasser schöpfen können, wenn sie ihre Burgen bauen. In der Nacht war es so kalt geworden, dass sich auf dem Wasser eine Eisschicht gebildet hatte.

„Mama, ich möchte den Kristall heute Nachmittag mit nach Hause nehmen“, verlangte mein Sohn ungeachtet dessen, dass sich sein Schatz schon halbiert hatte.

Ihr wisst sicher, dass ein Kind in diesem Moment nicht allein mit einer naturwissenschaftlichen Ausführung getröstet wird, wenn sich das geliebte Fundstück gerade in eine kalte Wasserpfütze verwandelt hat. Nur die Aussicht auf das Entdecken weiterer solcher Schätze – bei gegebenen Temperaturen – besänftigte sein Gemüt.

Ja, manchmal finden wir Schätze und verlieren sie wieder. Aber unsere Herzen werden berührt… und die Sehnsucht, die zurückbleibt, treibt uns immer wieder an, unsere Lebenspfade als Suchende zu gehen.

Habt einen kostbaren Tag und kommt gut in die neue Woche, ihr Lieben.

 

8 Gedanken zu “Flüchtige Kostbarkeiten

  1. Ein wunderbarer Text über kleine Kostbarkeiten des Alltags bzw. der Natur. Die Schönheit eines kleines Stück Eises nehmen wir oft nicht war. Kinder dagegen schon! Deshalb liebe ich es Mama zu sein… Man wird auf soviele tolle Dinge aufmerksam gemacht, denen wir sonst im Alltag gar keine Beachtung schenken würden.

    Gruß
    Sylvi

    Gefällt 1 Person

  2. Das schöne ist am Eis, dass man es auch zuhause im Gefrierschrank machen kann. Man kann auch kleines Spielzeug (Z.B. Plastikdinosaurier) einfrieren und die Kinder schauen, wie es wieder zum Vorschein kommt. Oder sie hämmern es raus! Kann wirklich Spaß machen.

    Allerdings kommt es nie an das Erlebnis eines gefundenen Schatzes ran!

    Lieb Grüße

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, wir haben daheim auch schon Blätter eingefroren. Das hatte etwas Experimentelles und Big J. fand es auch schön, aber wie du schon sagtest, es ist kein Vergleich zum Glücksgefühl, das so ein gefundener Schatz auslöst. Allerdings, etwas aus dem Eis gehämmert haben wir bisher noch nicht. Ich denke, das wäre schon ein Riesenspaß für die Kerle. Danke für die Idee!
      Liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

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