Eingewöhnung

Little J. und ich befinden uns mitten in der Phase des ersten Loslassens. Wir trennen uns in klitzekleinen Schritten voneinander und gewöhnen einander langsam die gemeinsamen Vormittage ab, weil ich in drei Monaten wieder arbeiten gehen werde. Eine langsame und behutsame Abnabelung war mir besonders wichtig, da die Eingewöhnung von Big J. für mich zu den unschönsten Erlebnissen meines Mutterdaseins zählte.

eingewohnung

Drei Jahre zuvor. Big J. war zarte 18 Monate alt und wir hatten uns den Krippenplatz hart erkämpfen müssen. Der Vertragsbeginn lag genau zwei Wochen vor meinem Wiedereintritt ins Berufsleben. Schon allein das löste in mir absoluten Druck aus… und was das Schlimmste war: ich bekam Angst. Ich glaube jede Mutter kennt das, diese Fragen, die einem permanent im Kopf herumschwirren, gerade wenn man zum ersten Mal eine Eingewöhnung mitmacht. Was ist, wenn mein Kind sich nicht wohlfühlt? Ich kann es doch nicht einfach bei fremden Menschen lassen. Wird es ausreichend getröstet, wenn es mal weint? Hoffentlich schubsen es die Großen nicht. Wird es sich gut in die Gruppe integrieren? Trübt sich unser Verhältnis, wenn ich es in die Kita gebe? Bin ich eine schlechte Mutter, weil ich wieder arbeiten gehe?

Big J. hat sich anfänglich nicht besonders wohl in seiner Kita-Gruppe gefühlt. Und ich mich auch nicht. Da flossen viele Tränen. Big J. weinte in der Kita und ich heimlich zu Hause im Schlafzimmer, wenn ich abends im Bett lag und den Tag Revue passieren ließ und mich vor dem kommenden Morgen fürchtete. Rückblickend glaube ich, lag es vor allem an meiner Angst, mein Kind ein Stück weit loszulassen. Ich denke, da hat sich viel auf Big J. übertragen. Nach anderthalb Wochen war ich soweit, das Ganze abzubrechen. Dann hat mir mein Mann sanft die Zügel aus der Hand genommen und meine Rolle in der Kita übernommen. Big J.’s ehemalige Krippenerzieherin hat letztes Jahr, bevor sie in Rente ging, mit einem Schmunzeln im Gesicht zu mir gesagt: „Wissen Sie noch, wie gut es damals geklappt hat, als ihr Mann mit der Eingewöhnung weiter gemacht hat?“ Ich erinnere mich nur vage. Ich war ja nicht dabei. Nein, es ist wahr, ich habe gespürt, wie sich der Felsbrocken von meinen Schultern hob. Es war mir leichter ums Herz, als ich sah, dass es Big J. in der Kita langsam zu gefallen schien.

Inzwischen geht Big J. gern in die Kita. Es gibt immer wieder Zeiten, vor allem als Little J. auf die Welt kam, in denen er lieber bei mir daheim bleibt. Ich gestehe ihm das gern zu, weiß aber auch um die Wichtigkeit seiner Freunde, die er ins Herz geschlossen hat. Big J. braucht seine Kita-Abenteuer mit seinen kleinen Leuten.

Bei Little J. war mir klar, dass ich mir mehr Zeit für die Eingewöhnung nehmen wollte und diesmal passte es gut mit Vertragsbeginn und Arbeitsaufnahme. Genügend Zeit zu haben, um loszulassen, ist Gold wert. Gerade auch, wenn Krankheiten, die Eingewöhnung verzögern. Zudem ist meine Empfindung diesmal eine andere. Little J. besucht die selbe Einrichtung wie sein Bruder. Die Umgebung, die Erzieher sind mir vertraut. Außerdem hat der Kleine in den vergangenen 15 Monaten schon einiges an Eindrücken aufgenommen, wenn wir Big J. in die Kita gebracht und von dort abgeholt haben. Er wurde begrüßt, auf den Arm genommen oder auch schon mal herzhaft in eine seiner Pausbäckchen gezwickt.

Wir sind jetzt in der dritten Woche der Eingewöhnung. Es ist anders als damals. Little J. fühlte sich vom ersten Augenblick an wohl in seiner Gruppe. Die Erzieherinnen gehen sehr behutsam vor. Er darf langsam ankommen in dieser Veränderung. Und ich auch.

Habt es gut.

 

11 Kommentare zu „Eingewöhnung

  1. Uh das kenne ich nur zu gut, allerdings aus der Sicht der Erzieherin 😉 Es ist immer wieder erstaunlich zu bemerken, wie die Eltern damals beim ersten Kind waren und nun in diesem Fall beim 4 🙂 vieeeeeel entspannter, hihi. Aber es ist wahr ja, dass Verhalten der Eltern ist in solchen Fällen außerordentlich wichtig. Also werte Dame, dass wird schon. Am Ende haben wir es bei jedem Kind geschafft das Herz zu erobern 😉

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  2. Ja, wir müssen alle unsere Erfahrungen sammeln… Und es wird so bleiben. Beim großen Kind ist alles aufregend und man überlegt hin und her und beim zweiten hat man schon Erfahrung. Man macht deshalb nicht alles gleich, denn die Kinder sind nicht alle gleich, aber man hat die Erfahrungen mit dem großen Kind als Maßstab… Ihr schafft das!

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  3. Ich schätze auch, beim ersten Kind geht es auch für Euch um das Sammeln von Erfahrungen. Beim zweiten weiß man ja schon mal grob, was Euch alle erwartet. Und was besser laufen könnte in der Kita.
    Ist das so schwer, einen Platz zu bekommen? Ich weiß nur aus der Überlieferung, daß damals auch nicht jeder Kindergarten konnte oder wollte.

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    1. Ja, im Krippenbereich ist das nicht so einfach. Leider. Man muss ganz schön kämpfen, wenn man keine B-Vitamine hat. Das ist für keine Mama leicht, die eigentlich die Elternzeit zu Hause mit dem Neuankömmling genießen möchte. Ich bin froh, dass wir beim Kleinen einen Geschwisterplatz bekommen haben, da fiel die ganze Aufregung weg.
      Viele liebe Grüße zu dir

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