All Soul’s Night – Über den Umgang mit dem Tod in meiner Kindheit

Während die Halloween-Dekoration, die mancherorts Vorgärten und Haustüren schmückte, nun langsam wieder abgenommen wird und die Kostüme in den Schubladen verschwinden, treibt uns vielleicht schon die Vorfreude auf Weihnachten um. Aber im novembergrauen Monat liegen auch Tage, die den Schleier zwischen den Welten lüften wollen. Die manch einem wirklich unheimlich sind. Totensonntag. Allerseelen. Egal ob wir kirchlich sind oder nicht, der Kalender zählt uns diese Tage auf, während draußen vor dem Fenster, das letzte Blatt des Baums zu Boden gleitet und der Morgennebel sich stumm und kalt über Wiesen und Felder legt.

Als Kind habe ich den Tod als eine Art Schreckgespenst erfahren. Er hat mich umgeworfen. Er hat meine Welt gewandelt. Er war allmächtiger als alles, was ich je zuvor gefühlt habe. Und er raubte das, was ich sicher in meinem Leben integriert glaubte.

Mein Großvater war eine meiner engsten Bezugspersonen. Bei ihm fühlte ich mich geborgen. Mein Baby- und Kinderfotoalbum ist voller Aufnahmen mit ihm und mir und meine Erinnerung zeigt mir so viele schöne Momente mit ihm. Meine Großeltern wohnten nur wenige hundert Meter von unserer Wohnung entfernt und meine Nachmittage verbrachte ich oft dort, um mit meinem Opa Karten, meist Leben und Tod, zu spielen, zu basteln oder mir vorlesen zu lassen. Später half er mir auch bei den Schularbeiten. Er versuchte mir die Welt zu erklären und er weckte in mir eine Geschichtenliebe, eine Liebe zu Büchern, die immer noch ungebrochen ist.Ich blicke zurück und sehe ihn mir gegenüber immer freundlich und geduldig. Meinen Großvater habe ich als starken Charakter in Erinnerung und als Jemand, der gern lebte, als Jemand, der fröhlich war und oft laut gesungen hat. Wusstet ihr, dass Singen gegen Angst hilft? Man kann nicht gleichzeitig singen und Angst haben. Ich weiß nicht, ob mein Opa Angst hatte und ich werde ihn nicht mehr dazu befragen können. Er hat nie über den zweiten Weltkrieg gesprochen. Aber die Splitterbombe, die ihn in der Nähe von Stalingrad traf, zeichnete sein Bein beinah 50 Jahre lang.

Mein Großvater hat nie über den Krieg gesprochen, aber er hat oft laut gesungen.

Als ich zwölf Jahre alt war und meine Mutter wegen einer komplizierten Unterleibsgeschichte im Krankenhaus lag, nahm er mich mit in die Musikabteilung eines Kaufhauses und ich durfte mir meine erste Musikkassette heraussuchen. Es war Stings Album The dream of the blue turtles. 

Wenige Wochen danach starb mein Großvater.

Es ist ein grauer Wintermorgen, fünf Tage vor Weihnachten. Während Schwippbögen die Fenster schmücken, treibt mich die Angst um, als kurz nach sieben in der Frühe die Nachbarin meiner Großeltern bei uns klingelt und sagt, der Opa würde im Bett liegen und nicht mehr aufstehen.

Ich sehe ihn wenige Minuten später tot in seinem Bett liegen und irgendetwas schlägt seine kalten Klauen so tief in meine Magengrube, dass mein Mund Säure schmeckt. Mir ist übel und schwindlig. Ich erfahre eine Ahnung von Zeitlosigkeit. Meine Mutter wird später sagen, er sei friedlich eingeschlafen, doch ich denke immer nur, dass kann nicht mein Opa sein, der kalt in diesem Bett liegt, die Hände vor der Brust und den Oberkörper ein wenig zur Seite gekrümmt. Wo ist sein Lachen? Seine Freundlichkeit? Wir werden nie wieder Leben und Tod spielen. Der Tod hat gewonnen. Er hat all seine Lieder mitgenommen.

Ich fühlte mich allein gelassen. Die Erwachsenen waren so mit sich beschäftigt, mit dem Organisieren der Beerdigung und mit dem Zurechtrücken ihrer Gefühle und der neuen Familienaufstellung. Ich rückte meine Gefühle nachts am Fenster meines Zimmers zurecht und starrte in den Sternenhimmel hinauf. Mein Auge war auf der Suche nach diesem einen Zeichen, nach dem mein Herz so sehr verlangte.

Wenn jemand stirbt, den man liebt, reißt das eine tiefe Wunde. Ich habe diese Wunde sehr lange Zeit nur mit einem Pflaster abgedeckt. Ich habe sie nicht sehen wollen. Ich konnte nicht an meinen Großvater denken, ohne ihn tot in seinem Bett liegen zu sehen. Also lieber gar nicht an ihn denken, auch nicht an die schönen Dinge.

In Wahrheit habe ich fünfundzwanzig Jahre gebraucht, um darüber sprechen zu können. Und ich konnte es nur mit der Unterstützung einer einfühlsamen, klugen Frau, die mir half, jene Angst von meiner Seele zu nehmen, die sie erdrückte wie ein Fels.

Andere Kulturen integrieren den Tod ins Leben. In Mexiko zum Beispiel begeht man vom 31. Oktober bis 2. November Dia de Muertos, den Tag bzw. Tage der Toten. Um diese Zeit kommen, nach dem alten Glauben der Mexikaner, die Seelen der Toten zurück, um mit ihnen zu feiern. Es gibt gutes Essen und Musik. Es darf getanzt werden. Der Tod ist in Mexiko bunt. Die Straßen, Wohnungen und Friedhöfe sind mit gelben und orangen Blumen geschmückt, Totenschädel aus Zucker und Totenbrot werden in den Bäckereien verkauft. Das Fest findet seinen Abschluss auf dem Friedhof, wenn die Lebenden auf den Gräbern der Verstorbenen eine Art Picknick veranstalten. Dort wird gesungen und getanzt, bis um Mitternacht die Seelen wieder ins Jenseits zurückkehren.

Ich finde die Idee ganz wunderbar. Der Tod ist nicht das Ende. Er ist nur ein Übergang. Gar nicht so einfach zu begreifen, nicht wahr? Ich komme ursprünglich aus einer atheistischen Familie, aber inzwischen trägt mich der Glaube ein stückweit.

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Bildquelle: pixabay

Ich will versuchen, meinen Kindern den großen Schrecken zu nehmen, den ich vor den Tod empfand. Ich will den Tod nicht verschweigen. Ich denke es braucht einen geschützten emotionalen Raum und Feingefühl, um mit Kindern über den Tod zu sprechen, und zwar so zu sprechen, dass sie nicht das Leben fürchten müssen. Angst lässt sich niemals ablegen. Sie ist wichtig, um uns auf Gefahren hinzuweisen, aber sie darf nicht über Lebensfreude, über Lebenshunger siegen.

Heute stehe ich auf, arrangiere ein paar gelbe und orange Blume in einer Vase und drehe die Musik auf. Es ist mir egal, dass ich nicht alle Töne treffe, aber ich singe heute ganz laut, nicht Stings oft so lyrische Nachdenklichkeit… Ich singe, um das Leben in Herz und Bauch prall und freudig zu spüren. Ich singe, für diejenigen meiner Lieben, die bereits über die Schwelle gegangen sind, vielleicht in eine andere Welt. Ich bin dankbar, dass es euch gab, dass ihr mir Gefährten wart. Ich singe. Laut. Weil diese Welt hier ein wunderbarer Ort sein kann, wenn wir ihn schätzen und so lange ich hier bin, will ich dankbar sein für all die wunderbaren Wunderdinge…

Day turned black, sky ripped apart
Rained for a year till it dampened my heart
Cracks and leaks, the floorboards caught rot
About to go down, I had almost forgot

All I got to do is to, to love you
All I got to be is, be happy
All it’s got to take is some warmth to make it
Blow away, blow away, blow away

All I got to do is to, to love you
All I got to be is, be happy
All it’s got to take is some warmth to make it
Blow away, blow away, blow away

Sky cleared up, day turned to bright
Closing both eyes now the head filled with light
Hard to remember what a state I was in
Instant amnesia, Yang to the Yin

All I got to do is to, to love you
All I got to be is, be happy
All it’s got to take is some warmth to make it
Blow away, blow away, blow away

All I got to do is to, to love you
All I got to be is, be happy
All it’s got to take is some warmth to make it
Blow away, blow away, blow away

Wind blew in, cloud was dispersed
Rainbows appearing, the pressures were burst
Breezes a-singing, now feeling good
The moment had passed like I knew that it should

All I got to do is to, to love you
All I got to be is, be happy
All it’s got to take is some warmth to make it
Blow away, blow away, blow away

George Harrison, „Blow away“ (1979)

Habt es gut, all ihr lieben Leser und Freunde da draußen!

 

18 Kommentare zu „All Soul’s Night – Über den Umgang mit dem Tod in meiner Kindheit

  1. Liebe Katja,
    und wieder so ein berührender Post! Danke dafür. Ja, es ist eine Zeit, in der wir viel an den Tod und unseren Umgang mit ihm erinnerte werden. Auch mich treiben zur Zeit diese Gedanken wieder um. Mit ein, zwei anderen Posts in den vergangenen Tagen hat Dein Beitrag mit den Impuls für eine Kurzgeschichte gegeben, die ich heute Abend poste. Habe dabei auf Deine einfühlsamen und doch so klaren Worte verlinkt.
    Liebe Grüße
    Charlotte

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Katja,

    schade, dass niemand mit Dir über den Tod deines Großvaters gesprochen hat. Alles in allem denke ich, es ist gut, den Tod von Kindern nicht fern zu halten, nicht zu abstrahieren und nicht zu euphemisieren. Aber man muss mit ihnen darüber sprechen.

    Es ist eigentlich kein Wunder, dass die Totengedenktage alle im November liegen, wenn die Tage kürzer werden und das Wetter trüb…

    Liebe Grüße

    SamyBee

    Gefällt 1 Person

      1. Meine Tipps: weiche den Fragen nicht aus. Erkläre, warum dir die Antwort schwer fällt. Sage, wenn es dich traurig macht. Verstelle dich nicht. Bleibe authentisch und ehrlich. Und vermeide nicht die Situationen, die deine Kinder zu dir unangenehmen Fragen veranlassen könnten. Kinder merken es, wenn man ein Thema umgeht, wenn dir nicht wohl dabei ist. Und wenn du nicht offen mit deinen Gefühlen umgehst, kann es sein, dass sie es auf sich beziehen, dass sie dich unglücklich gemacht haben. Es gibt auch gute Kinderbücher dazu, die weiterhelfen, wenn einem selbst die Worte fehlen. Und wenn gerade ein Todesfall eingetreten ist, der einen persönlich so sehr trifft, dann nimm eine Person deines Vertrauens hinzu, die nicht von Trauer überwältigt ist und mit dem Kind sprechen kann. Kinder haben einen unglaublich unbefangenen Umgang mit dem Tod, der so wohltuend sein kann. Im einen Moment weinst Du, sie sagen etwas und du musst unter Tränen lachen. Es kann so heilsam sein!

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  3. Hallo liebe Katja.

    Über Deinen Post gibt es viel zu sagen. Es hat mich sehr berührt und nachdenklich gestimmt. Traurig ist, wie sehr und wie lange Du – ungeachtet oder besser gesagt ungesehen (!) unter dem Tod Deines Opas gelitten hast; Du als kleinstes Glied in der Kette. Ich finde es gut und stark, dass Du Dir Hilfe geholt hast und inzwischen – sicherlich nicht immer, dennoch öfter – anders mit seinem Fehlen umgehen kannst. Ja, man muss das Leben immer schätzen, am besten hier, jetzt und sofort und nicht erst morgen; das Leben ist eben lebensgefährlich…!
    Mexiko – das ist doch ein Paradebeispiel, um das Tabuthema Tod zu brechen! Bewundernswert, wie die Mexikaner das machen. Wenn der Tod schon da war, kann man ihn eh nicht wieder rückgängig machen – also warum sich alles schwer machen? Feiert und befeiert, was ihr hattet!! Seid dankbar! – davon sollte man sich eine Scheibe abschneiden…
    Ich selbst kann von Glück sprechen, dass ich eine solche Todes-Erfahrung noch nie machen musste; alle meine Herzensmenschen sind noch bei mir. Zu meinen Großeltern hatte ich keine so innige Beziehung, darum hat mich ihr Tod nicht so sehr geschmerzt. Bei meinen Kindern ist das anders – die beiden lieben ihre Oma, meine Maam, inniglich. Nun ist meine Maam absolut fit und keine Oma im klassischen Sinne (also graue Haare, nicht mehr besonders mobil, etwas langsam, etc), aber ich kann mir nicht vorstellen, wenn sie mal nicht mehr sein sollte. Das würde bei uns allen eine unfassbare Leere hinterlassen. Ich könnte ihren Tod nicht begreifen und eigentlich will ich auch kein weiteres Wort darüber schreiben. Also hoffe ich, dass ich meinen Kindern zuliebe stark genug sein werde, falls jemals eine solche Situation eintreten sollte.

    Ich wünsche Dir weiterhin alles Gute auf Deinem Weg und grüße Deinen tollen Opa in Gedanken von mir. Er guckt Dir sicherlich zu.

    Frau Lampenhügel

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    1. Ach liebe Frau Lampenhügel,

      ich habe gerade ein paar Tränchen in den Augen. Ich danke dir für deine Worte. Sie taten mir so gut.

      Ja, das Leben ist lebensgefährlich. Das hast du schön gesagt. Warum also das Leben absitzen, anstatt es zu feiern, uns an den guten Dingen zu freuen. Es kann so schnell vorbei sein. Ich glaube, es ist wichtig, sich dies immer wieder zu verinnerlichen. Man vergisst das manchmal in all seinen Alltäglichkeiten.

      Liebe Frau Lampenhügel, ich wünsche dir und deiner Familie, dass ihr einander noch ganz ganz lange habt.

      Ganz liebe Grüße von mir zu dir

      Gefällt mir

      1. Liebe Katja,

        schön, dass ich Dich erreichen konnte – und danke für Deine lieben Grüße. Auch ich muss mich manches Mal daran erinnern, dass dieses wunderbare Leben gerade hier vor meinen Augen passiert und dass die Vergangenheit immer vorbei sein wird. Die Verantwortung jedes Menschen liegt darin, das zu akzeptieren und das beste daraus zu machen.
        So.
        Genug der Weisheiten für heute 🙂

        Alles Liebe nochmal!

        Gefällt 1 Person

  4. Pingback: J. | familiendinge

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