Vom Regretting-motherhood-Trauma

Ich bin Mama, ganz und gar, von Kopf bis Fuß. Keine Superglucke, das will ich auch nicht sein. Ich habe Glück und dafür bin ich unendlich dankbar. Ich habe Glück, denn ich kann ihn mit dem ganzen Herzen sagen, diesen einen Satz: „Ich bin gerne Mama.“ Es fühlt sich gut an, nicht wie eine Rolle, die mir bei der Geburt der Kinder übergestülpt wurde und die ich nun ausfüllen muss. Ich muss nichts. Ich bin gern Mutter geworden. Die Kinder sind mein größtes Abenteuer. Ich habe mich ganz bewusst für sie entschieden. Es ist nicht immer einfach, dieses Abenteuer. Es verlangt von mir Herzblut, Nervenstärke, Mut und noch so vieles mehr. Und doch belohnt mich jedes Lächeln meiner Kinder. Wie könnte ich etwas bereuen, wenn mich dieses Kinderlachen bis tief auf den Grund meines Herzens berührt?

Ich kann es nicht. Die Beziehung zu meinen Kindern war nicht der Grund, mich einmal einfühlen zu wollen, in die Frauen, die ganz offen oder hinter vorgehaltener Hand von der Reue sprechen. Ich möchte heute einmal aufstehen und die Lanze für die Kinder brechen. Für die von uns Geborenen, für unsere Schutzbefohlenen und auch für die inneren Kinder. Ja, auch für das innere Kind, dessen kleine Seele in jedem Erwachsenen verblieben ist, auch wenn wir es manchmal nicht mehr spüren wollen.

Etwas rührte mich damals an der Thematik Regretting Motherhood und ich habe lange überlegt, ob ich etwas darüber schreiben möchte. Es fühlt sich hart und kantig an, irgendwie bedrohlich, eigentlich etwas, vor dem ich lieber davonlaufe. Regretting Motherhood wurde in den vergangenen Monaten, vor allem hier in Deutschland, vielfach diskutiert. Ich will das alles nicht aufwärmen, ich umreiße es nur kurz. Orna Donath, jene israelische Soziologin, hat ihn in ihrer im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie geprägt diesen Begriff vom Bedauern der Mutterschaft. Sie befragte israelische Frauen unterschiedlicher Schichten und wählte für ihre Untersuchung diejenigen aus, die es verneinten noch einmal Mutter werden zu wollen, hätten sie damals das Wissen von heute gehabt. Die Frauen gaben alle an, ihre Kinder zu lieben, aber sie hätten sie lieber nicht bekommen.

Da schellt ganz plötzlich ein Gedanke in mir hoch: wie kann man etwas bedauern, das man liebt? Kann man das wirklich? Etwas bedauern, etwas das man liebt… Mir fällt es schwer, das zu verstehen. Und was kann das überhaupt für eine Liebe sein? Eine Liebe, die die Nachkommen wegstoßen möchte, weil das Wort „Mutterschaft“ auf der Zunge bitter schmeckt. Oder weil es einem, die Luft abschnürt.

Reue. Das vereint sie alle miteinander. Was bereuen sie, frage ich mich? Die Frauen bezeichnen sich selbst als Gefangene in ihrem Dasein als Mutter. Eventuell spricht daraus Überforderung. In Israel bekommen Frauen im Durchschnitt drei Kinder. Dort existieren andere Lebensmodelle, die im Einzelnen vielleicht nicht frei gewählt wurden, sondern durch reine Erwartungshaltung und gesellschaftlichen Druck übernommen wurden.

regretting
Bildquelle: pixabay

Die Frauen in Orna Donaths Studie zeigen Mut. Sie sprechen offen über ihre Gefühle, auch wenn diese dem Rest der Welt rabenschwarz erscheinen. Sind diese Frauen wirklich so kaltherzig, wie man es ihnen vorwirft? Haben wir das Recht, sie zu beschimpfen? Jeder Lebensentwurf ist anders, jede Frau, jede Partnerschaft ist es. Sieht man „nur“ die Überforderung einer Drei- oder Vierfachmutter, die eventuell keine Unterstützung erhält und die sich nach etwas Erholung sehnt, wie gut können wir uns in sie hineinversetzten?

Das ist die eine Wahrheit. Die gestresste Frau, der die Kräfte fehlen.

Aber blickt man einmal auf die andere Seite, blickt man auf jene, die es eigentlich betrifft.

Was ist mit den Kindern?

Wie fühlt es sich an, wenn du als Sohn oder Tochter irgendwann erfahren musst, dass deine Mutter dich eigentlich nicht gewollt hat. Weil ihr Leben vor dir ein besseres, ein leichteres oder unbeschwerteres war? Das ist eine Grausamkeit, die man niemandem wünschen möchte. Wie ist das, wenn die eigene Mutter offen äußert, dass sie das Dasein ihrer Kinder bedauert, weil es sie in ihrem Leben beschnitten hat. Ein Leben für ein anderes? Ist es das?

Doch zu einer offenen Äußerung muss es gar nicht erst kommen. Kinder haben feine Antennen. Sie spüren, ob sie willkommen sind oder nicht. Was ist, wenn du fühlst, dass du nicht erwünscht bist? Meist sacken Negativerfahrungen ins Unterbewusstsein und als Erwachsene können wir später oft gar nicht begründen, woher es kommt, dieses schlechte Gefühl in bestimmten Situationen. Das ist die kleine Kinderseele in uns, die sich nach Zuwendung sehnt.

Wie fühlt sich ein Nicht-gewolltes-Kind? Es kann doch kaum an Mutterliebe glauben. Aber es muss das tun. Es muss die Illusion aufrecht erhalten, um in der Kindheit (psychisch) zu überleben. Ein Nicht-gewolltes-Kind ist ein traumatisiertes Kind. Es wird lange brauchen, dies zu verarbeiten. Wenn es das überhaupt kann.

Mütter, die behaupten, sie lieben ihre Kinder, aber sie bereuen die Mutterschaft, sind eventuell selbst traumatisierte Kinder. Man muss sich vielleicht einmal fragen, wie sehr sie selbst von ihren Müttern geliebt wurden – wahrhaftig geliebt, um ihrer Selbst willen.

Liebe bereut nicht. Schon gar nicht die Geburt eines Lebewesens.

Orna Donath gibt an, sie hätte für ihre Studie, drei Gruppen von Müttern befragt: Frauen, die sich vorab nie Gedanken über die Mutterschaft gemacht haben, Frauen, die dazu gedrängt wurden, aber eigentlich nie Mutter werden wollten und jene Frauen, die glaubten die Mutterschaft wäre eine Art Zauber, der sie aus dem Leben befreien würden, in dem so einiges schief gegangen war.

Die Weitergabe des Traumas spricht vor allem für die letzten beiden Gruppen. Regretting Motherhood ist nicht neu. Es gab es schon zu allen Zeiten… nur wurde nicht so offen darüber gesprochen wie heute. Das soll keine Entschuldigung sein für die Frauen, die mit ihrer Offenheit, ihre Kinder zutiefst verletzten. Aber ihre Offenheit ist auch ein Schrei um Hilfe. Wir sollten ihn anhören und nicht verurteilen. Um aller Kinder Willen.

Habt es gut heute, mit dem ganzen Herzen.

 

12 Gedanken zu “Vom Regretting-motherhood-Trauma

  1. DANKE für diesen wunderbaren Beitrag, liebe Katja! Auch hier hast Du einmal wieder ganz tief berührt. Und es ist so wichtig, zu diesem Thema Stellung zu beziehen. Ich habe mich damals so geärgert, als ich diese Diskussion in den Medien beobachtet habe. Danke, dass Du es noch einmal aufgegriffen hast und eine wichtigen Impuls gesetzt hast.

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  2. Ein wirklich wundervoller Beitrag, den ich fast schon auf der Scheibe des Monitors unterschreiben möchte. Allein schon der Begriff „Regretting…“ läßt mich den Kopf schütteln. Empfinde ihn auch als Schlag ins Gesicht all der Kinder, aber auch der Mütter aus Leidenschaft und all derer, die ungewollt kinderlos sind.

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