Von kleinen Fluchten und vom Zueinanderfinden

Was ist das eigentlich, diese immer öfter ganz offen propagierte Auszeit vom Mama-Sein? Jene Alltagsfluchten, die Frau bewusst vom Familienleben trennt. Gab es das früher schon? Hatten unsere Mütter und Großmütter diese Möglichkeit, Abstand zwischen sich und jene Erwartung zu bringen, zwischen sich und der Erwartung, sich vollends im Mutterdasein aufzulösen?

Ich blicke zurück und kann es bejahen. Diese Fluchten waren anders, ganz anders als heute. Sie fühlten sich nicht federleicht an, bestanden teilweise nur als Sehnsucht, jene Erwartungshaltung samt Kittelschürze und Kochlöffel einfach einmal abzustreifen. Der Wunsch danach war erspürbar. Er wog teilweise schwer. Doch innerhalb unserer Familie wurde nicht offen darüber gesprochen.

Meine Mutter hatte ihre Fluchten, meine Großmutter ebenso. In welcher Art und Weise fiel von Frau zu Frau unterschiedlich aus und war nicht vergleichbar zu dem, was wir heute darunter verstehen. Heute, wenn Papa und Mama meist ganz selbstverständlich, einen Termin für eine „Mom’s Night Out“ oder einfach zwei, drei abendliche Stunden Ausgehzeit vereinbaren.

Ich bin ein Familienmensch. Mein Herz ist randvoll mit Liebe zu meinen drei Kerlen. Aber ich erfreue mich auch an den Nachmittagen oder Abendstunden, die ich allein mit Freundinnen verbringe. Diese Zeit ist selten geworden, aber ich kann ganz offen sagen: es genügt mir. Das Wenige ist mir ausreichend. Und kostbar.

Vergangene Woche war ich mit einer Freundin im Kino, um den Film „Unterwegs mit Jacqueline“ zu sehen. Der Film erzählt die Geschichte des Familienvaters Fatah aus Algerien. Er hat den Wunsch, einmal im Leben seine Kuh Jacqueline auf der Landwirtschaftsausstellung in Paris präsentieren zu dürfen. Das Leben stellt die Weichen, Fatah erhält die Chance und greift zu, zum Missfallen seiner Frau. Aber je weiter Fatah sich entfernt, umso näher findet sein Herz zu seiner Frau, zu seiner Familie zurück.

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Wir gehen, um wieder zueinanderzufinden. Wenn das Fortgehen gar nicht das Abstreifen einer Rolle bedeutet, sondern der Perspektivwechsel dazu dient, Energie zu tanken für das eigene Selbst, das natürlich auch immer Vater bzw. Mutter ist. Dass man geht, um immer wiederzukommen. Immer wieder, weil unsere Herzen sich nacheinander sehnen. Genau das fühlt sich für mich richtig an.

Habt es schön.

 

2 Gedanken zu “Von kleinen Fluchten und vom Zueinanderfinden

  1. Ich denke, es geht auch darum, sich selbst nicht zu verlieren in der Mama-Rolle. Ich brauche manchmal meine Auszeit, damit ich wieder zu mir selbst finde. Wenn es ganz schnell gehen muss, ist meine Auszeit zwei oder drei Stunden in der Badewanne zu verbringen. Gerade als die Kinder ganz klein waren, wäre ich ohne Badewanne durchgedreht. Und das kann für die Kinder doch auch nicht gut sein, oder?

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  2. Ja, das meine ich auch. Die kleinen Fluchten tanken ja immer wieder auf. Und das kommt den Kindern auch zu Gute. Sie spüren ganz genau, wenn ein Elternteil unglücklich oder unzufrieden ist, egal wie man sich müht, es zu verbergen. Aber wow, zwei oder drei Stunden in der Badewanne! 😉 Dein Element scheint Wasser zu sein. Liebe Grüße

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